Kategorie: Autorenleben

  • Schreiben oder nicht schreiben?

    Die beiden Seelen in meiner Brust driften so weit auseinander, ich fühle mich zum Zerreissen gespannt. Was tun? Fahren oder nicht fahren? Warum habe ich mich überhaupt angemeldet damals? Ich habe doch gar nichts Bedeutsames zu sagen über mein Leben? Und hier kann ich in dieser Zeit nun wirklich Bedeutsames leisten. Ich kann meine Ehe retten.

    Gerade hat mein Mann sich bereit erklärt, die Affäre zu beenden und bei der Familie zu bleiben. Wenn ich jetzt nach Wien fahre, wird er mir das vielleicht wieder als Eheverfehlung ankreiden?

    Aber was noch viel schlimmer ist: Wenn ich jetzt wegfahre, hat DIE ANDERE freie Bahn. Vielleicht trifft er sie dann doch wieder? Andererseits. Kann ich das verhindern, wenn ich hier bleibe? Ich kann ihn doch nicht auf Schritt und Tritt bewachen? Wenn ich das könnte, wäre das doch gar nicht erst passiert. Es ist allerdings auch passiert, weil ich mich in einer falschen Sicherheit wähnte. Es gibt keine Sicherheit, schon gar nicht in Beziehungen. 

    Es hatte meiner Seele solchen Auftrieb gegeben, als ich das Schreiben entdeckt hatte. Besonders nach dem Dämpfer in meinem Job. Angefangen habe ich mit ein paar kleinen Übungen aus dem Buch von Julia Cameron. Plötzlich hat es mich gepackt und ich wusste: ich muss schreiben. Abends, wenn die Kinder im Bett waren, saß ich im Kerzenschein auf der Terrasse und versank in mein Tun. Im Nachhinein gesehen hätte ich lieber mit meinem Mann im Bett versinken sollen. Hinterher ist man immer klüger. 

    Andererseits. Warum muss ich auf diesen Tanz meiner Seele verzichten? Warum kann ich nicht alles haben? Ich leiste in meinem Job, kümmere mich liebevoll um meine Kinder, und wenn dann nur mehr Zeit für eines bleibt, dann für die Rolle als Ehefrau? Ich habe sogar schon den Sport herunter gefahren für das Schreiben, mache nur mehr kleine Spaziergänge, die der Inspiration dienen. Und trotzdem habe ich meinen Mann offensichtlich vernachlässigt. Den Haushalt auch. Sagt er jedenfalls. Also hier bleiben und alle Versäumnisse nachholen?

    „Ein eigenes Zimmer“, wie Virginia Woolf es fordert, habe ich sogar. Es dient allerdings meiner Erwerbsarbeit im Homeoffice, wenn die Kinder krank sind oder sonstige Notfälle anstehen. Durch die Erwerbsarbeit habe ich sogar ein eigenes Einkommen, wie Virginia Woolf es ebenfalls fordert. Theoretisch wäre ich dadurch frei, unabhängig von einem Mann. Aber bin ich das wirklich? 

    Nein, das bin ich nicht. Weder finanziell, weil mein Teilzeitgehalt nicht die Familie ernähren könnte.  Dazu müsste auch meine Care-Arbeit für die Kinder bezahlt werden. Und schon gar nicht emotional. Sonst würde ich jetzt nicht mit dem Gedanken spielen, mein verlängertes Schreib-Wochenende in Wien abzusagen, damit mein Mann sich von seiner Geliebten fern hält. Was ich genau betrachtet auch mit einer Anwesenheit nicht verhindern kann.

    Also hole ich mir jetzt ein kleines Stück meiner Freiheit zurück und fahre nach Wien. Ich wohne bei einer alten Freundin und das ist schon ein großer Teil des Balsams, den dieses Wochenende auf meine Seele streichen wird. Endlich habe ich Gelegenheit mein Herz auszuschütten. 

    Und dann, endlich, beginnt der Workshop. Ich bin ein wenig aufgeregt. Die anderen Themen aus meinem Leben, die ich überlegt hatte, als Schreibstoff mitzubringen, erscheinen mir jetzt im Lichte meiner neuen Erlebnisse fad und schal. Aber über das Unaussprechliche zu schreiben, das vor einer Woche passiert ist? Gut, diese Hürde habe ich schon mit den Einträgen in mein Tagebuch genommen. Aber diese handschriftlichen Einträge kann ich danach nicht einmal selbst lesen. Hier wird ja nicht nur geschrieben, sondern auch vorgelesen, geteilt, kommentiert. Werde ich dazu in der Lage sein, ohne in Tränen auszubrechen? Ich werde das dann einfach ganz spontan entscheiden, wenn ich die Gruppe kennen gelernt habe.

    Wir sitzen um einen großen Tisch versammelt und stellen uns vor. Sofort fühle ich: Diesen empathischen Schreibenden kann ich meine Seele öffnen. Hier fühle ich mich aufgehoben. Hier bin ich vielleicht auch nicht allein mit meinem Leid. Auch andere Menschen erleben Unerfreuliches. Und das Leben bietet sicher noch Schlimmeres als eine aufgeflogene Affäre. Ich werde also darüber schreiben. Ana führt den Workshop auf so einfühlsame Weise, dass es mir geradezu leicht fällt, die Anfangsszene zu schreiben. Dass ich dadurch noch einmal erlebe, wie ich meinen Mann mit der Tatsache konfrontiere, macht es nicht schlimmer, im Gegenteil. Wut und Schmerz fließen aus meinem Kugelschreiber auf das Papier und sind dann dort gebannt, zumindest für eine kurze Zeit. 

    Für die Feedbackrunde lese ich mit zitternder Stimme meinen Text vor. Es werden die Bilder besprochen, die ich verwendet habe, diskutiert, ob und welche Gefühle durch bestimmte Wörter ausgelöst werden. Und mein Erstaunen setzt sich fort. Durch dieses Besprechen meines Textes auf der formalen Ebene scheint sich auch das Problem auf eine formale Ebene zu bewegen. Es ist jetzt nicht mehr der größte Schmerz meines Lebens, es ist Stoff für ein Buch. Zumindest in diesem Augenblick in dieser Gruppe. Und ich bin für jeden Augenblick dankbar, in dem der Schmerz mich so weit verlässt, dass er Raum lässt für Anderes, Schönes in meinem Leben.

    Ich frage Ana nach dem richtigen Zeitpunkt für das Aufschreiben einer schmerzhaften Geschichte. 

    „Wenn es noch ganz frisch ist, hat es den Vorteil, dass man es noch mit sehr viel Emotion beschreiben kann kann. Der Nachteil: man hat vielleicht nicht immer ausreichend Distanz zum Geschehen.“

    Ich lasse die Worte auf mich wirken. Und schreibe weiter mein Tagebuch. Letztendlich entscheidet das Leben für mich, wann ich das Buch schreibe. Als ich mich auf das zweite Workshop-Wochenende vorbereiten möchte, bin ich plötzlich Alleinerzieherin. Nicht eine Alleinerzieherin, die diese Rolle mal für ein Wochenende abstreifen und nach Wien fahren könnte, sondern ausschließlich. Ich bekomme Unterlagen und Aufgaben vom zweiten Workshop-Teil per mail und drucke alles aus.

    In dieser Mappe liegt es dann für die nächsten zwölf Jahre. Und als der richtige Zeitpunkt gekommen ist, packe ich es wieder aus und beginne zu schreiben.

    Daraus entsteht mein Buch Trennung al dente, das am 1. Juli 2025 erscheint.

    Anas Memoir-Workshop hat sich mittlerweile zu einem Lehrgang entwickelt.

  • Wie ein Dirndl – über die Liebe zu gedruckten Büchern gegen alle Logik

    Wie ein Dirndl – über die Liebe zu gedruckten Büchern gegen alle Logik

    Hochkonzentriert schneide ich das Bild aus dem Umschlag. Hier darf kein Schnitt zu tief gehen, was weg ist, ist weg. Auch den Klappentext von der Rückseite schneide ich vorsichtig in einem Rechteck aus. Dann schneide ich von der Folie genau so viel ab, wie ich brauche, um das Buch damit einzubinden. Jetzt kommt der schwierigste Teil. Ich lege das Buch vor mich hin, mit dem Rücken zu mir. Das ausgeschnittene Coverbild liegt mittig platziert darauf. Mit der Folie beginne ich jetzt ausgehend von der vorderen Kante das Bild auf das Buch zu kleben. Immer nur Zentimeter für Zentimeter, und sofort ganz fest in meine Richtung streichen. Auf keinen Fall darf der Einband Blasen werfen, er muss sitzen, wie ein Dirndl. Da kriegt man ja auch keine Luft drin.

    Rechts von mir liegt noch ein Stapel neuer Hardcover-Ausgaben mit unversehrtem Buchumschlag, links von mir ein kleinerer Stapel bereits eingebundener Bücher. Ich habe noch viel zu tun an diesem Nachmittag im Paradies. Hier reiht sich Buch an Buch in den Regalen an den Wänden. Meine Freundin, ihre Mutter und ich bereiten die Neuzugänge vor, damit sie bald von den Lesern verschlungen werden können. Zweimal die Woche hat das Paradies geöffnet, Sonntags nach der Kirche und am Dienstag nachmittag einfach so. Dann kann ich hier nach neuen Büchern stöbern. Wobei stöbern irgendwann in dieser kleinen Bücherei relativ ist. Die Jugendbücher habe ich alle ausgelesen, ich versuche mich jetzt an der Literatur für Erwachsene, die ich mal mehr, mal weniger verstehe, aber ich komme mir sehr erwachsen dabei vor.

    Meine paar Bilderbücher aus der Kleinkind-Zeit konnte ich rasch auswendig, auf manche Besucher wirkte es, als könnte ich lesen. Als Schulkind bekomme ich endlich Zutritt zu diesem Paradies hier und für Lesestoff ist gesorgt. Werde ich nach meinem Berufswunsch gefragt, sage ich immer „Schriftsteller“. Lesen von Büchern ist ja leider kein Beruf, also muss ich selber welche schreiben. Ich weiß noch nicht, dass es später einmal Buchblogger geben wird.

    Das Schreiben beschränkt sich vorerst auch auf ein paar wirre Fantasy-Stories und dann kommt das Leben dazwischen. Ein Studium, das so gar nichts mit Literatur zu tun hat, und um solche zu kaufen, habe ich wieder kein Geld, zum Lesen läßt mir mein Nebenjob sowieso keine Zeit. Danach folgen Familie und Karriere, bis letztere einen Knick bekommt, verbunden mit gesundheitlichen Problemen. Und ich finde, es ist an der Zeit, endlich meinen Jugendtraum zu realisieren. Ich werde Schriftstellerin.

    Ob und wann man das ist, hängt ja schließlich von der Definition ab, von den Maßstäben, die man an sich selbst legt. Wann ist man Autorin? Wenn man ein Buch geschrieben hat? Wenn man einen Verlag dafür gefunden hat? Wenn man eines im Selfpublishing veröffentlich hat – gilt das dann auch? Oder ist man dann kein richtiger Autor? Gibt es auch falsche Autoren? Und sind selbst veröffentlichte Bücher dann falsche Bücher? Werden Selfpublishing-Bücher, die sich gut verkaufen dadurch dann plötzlich von falschen zu richtigen Büchern? Fragen über Fragen, die ich mir gar nicht gestellt habe, als ich anfing zu schreiben. Ich schrieb ja erst einmal nur für mich. Bis eine Freundin das gelesen hat und sagte „Dein Buch muss in die Welt“. 

    Tja, und da ist es jetzt. Oder zumindest beinahe. Ich habe den Probedruck bekommen von meinem falschen Buch, das vielleicht ein richtiges wird, wenn es meinen Leserinnen gefällt. Und jetzt bin ich wieder beim Dirndl. Oder zumindest beinahe. Obwohl ich mittlerweile selbst viele ebooks lese, ist meine Liebe zum gedruckten Buch ungebrochen. So ein Werk anzufassen hat immer noch den gleichen Zauber wie damals im Paradies. Und deswegen wird mein falsches-aber-irgendwann-vielleicht-richtiges-Buch auch als Print-Ausgabe erscheinen. Für mich selbst, damit ich es anfassen kann, über die glatte, aber doch samtig weiche Oberfläche streichen, darin blättern, es auf- und zuklappen, schnell von der Seite 5 auf die Seite 295 blättern und vielleicht sogar ein Eselsohr in eine Seite biegen oder mit einem Bleistift etwas an den Rand schreiben.

    Natürlich ist es kein Hardcover wie damals im Paradies und wenn ich das Coverbild aus dem Taschenbuch schneide, prangt dort einfach nur ein hässliches Loch. Einbinden könnte ich es natürlich trotzdem und wieder darauf achten, dass die Folie sich wie ein Dirndl an den Umschlag schmiegt.

    Logisch betrachtet macht so ein Print-Buch für beide Seiten wenig Sinn, für die Leserin ist es teurer, für mich ist die Marge kleiner. Aber logisch betrachtet hätte ich erst gar nicht zu Schreiben beginnen sollen, sondern meine Zeit, meine Energie und mein Herzblut in die Wiederankurbelung meiner Karriere stecken, anstatt ein falsches Buch zu schreiben. Finanziell betrachtet sowieso. Denn es müssen sich erst genügend Leserinnen finden, um die Kosten für das wunderbare Cover und den schönen Buchsatz von coverboutique.de zu decken. Und das liebevolle Lektorat von buchfein.at Aber das ist es mir wert. Ganz entgegen meine sonstigen Gewohnheiten habe ich in den letzten Jahren kaum Geld für Sport oder Reisen ausgegeben. So rechne ich mir mein Buch schön. Das Abenteuer, das ich früher auf den Bergen suchte, halte ich jetzt in meiner Hand. Und ich bin genau so stolz und glücklich, wie wenn ich einen Gipfel bezwungen habe. Auch wenn es (vorerst) nur ein falsches Buch ist. 

    Aber ihr könnt aus dem falschen Buch ein richtiges machen. Meine persönliche Definition dafür ist nicht monetärer Natur und auch nicht, ob es einem Verlag gefallen hat. Wenn ich meine Leserinnen damit berührt habe, wenn ich jemandem, der selbst in einer Trennung steckt, Mut machen kann oder sie sogar zum Lachen bringen, dann ist Trennung al dente ein richtiges Buch.

    Das Buch erscheint im Juli!

  • Soll ich oder soll ich nicht? Ich hab es getan! 

    Gedanken zum Marketing (2)

    Jetzt rückt er also näher, der große Tag. Schritt für Schritt und hoffentlich unaufhaltsam. Die Aufregung steigt, obwohl sie sich dazwischen hoffentlich auch wieder ein wenig legen wird. Es wird ein schönes Cover geben, genau so, wie es in meinem Kopf schon herumspukt, seit sich dort die Idee zu meinem Buch verfestigt hat aus den vagen Schwaden, die dort schon seit Jahren mein Denken vernebeln. Natürlich nicht von mir. Also das Cover, nicht die Schwaden. Sondern von jemandem, der das wirklich kann. Und die es geschafft hat, aus meinen Beschreibungen genau das Bild aus meinem Kopf entstehen zu lassen. Ich bin beeindruckt und eben auch aufgeregt. Wenn es fertig ist, werde ich es auf meiner Bücherseite hier zeigen und ich hoffe, es gefällt euch genauso gut wie mir. 

    Und ich werde das Cover noch an einem anderen Ort zeigen, dazu habe ich mich jetzt endlich durchgerungen. Am Anfang war ich ja komplett dagegen. Meine Zielgruppe ist dort sicher nicht unterwegs, so dachte ich mir. Aber was weiß ich schon über meine Zielgruppe? Auch wenn ich sie aus marketingtechnischen Gründen gut kennen sollte. Aber ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich diesbezüglich viel zu sehr von mir auf andere, in dem Fall auf meine Zielgruppe schließe. Das ist einerseits vielleicht nicht ganz verkehrt, denn Frauen, die eine Trennung erlebt haben, werden sich vielleicht auch von meiner Geschichte „Trennung al dente“ unterhalten fühlen. 

    Manchmal versuche ich meinen Blick ein wenig vom Tellerrand zu heben und in einem solchen Anfall von Weitblick war ich dann doch geneigt, meiner Zielgruppe ein etwas differenzierteres Medienverhalten zuzugestehen als das meinige. Vielleicht tummelt sich ja doch die eine oder andere meiner potenziellen Leserinnen auf Instagram. Vielleicht sollte ich meine diesbezüglichen Vorurteile einmal kurz beiseite schieben und mich selbst dort umsehen. So gefährlich wird es schon nicht sein. Der Stundenfresser wird schon nicht mit aller Härte zuschlagen. Obwohl ich diesbezüglich schlimmes gehört habe. Von einem Bekannten zum Beispiel. Nein, kein typischer Fall von „ich kenn jemanden, der jemanden kennt, der hat…“ Ich kenne den wirklich persönlich, der aus beruflichen Gründen auf Instagram posten muss und die App danach sofort wieder von seinem Handy löscht, bevor der Stundenfresser zuschlagen kann. Vor seinem nächsten Post installiert er sie wieder. Oder der andere, der sich dafür die Bildschirmzeit limitiert hat und nur seine Freundin kennt den Code. Und in so gefährliche Welten soll ich mich begeben? 

    Aber den Mutigen gehört die Welt. Wenn ich schon so vor Ungeduld platze, von meinem Buch zu erzählen, dann werde ich das jetzt also auch auf Instagram unter julia_landers_autorin tun. Obwohl ich mich so lange dagegen gewehrt habe. Aber ich versuche es auf meine ganz persönliche Art und Weise, nicht so, wie alle sagen, dass man es machen müsse und auch nicht so, wie der Algorithmus es von mir verlangt. Ich mache es so, wie ich mich damit wohl fühle. Ich mache es so, wie es sich für mich persönlich und vor allem für mein Buch gut und richtig anfühlt. Und dann bin ich mal gespannt, was passieren wird. Wird es tatsächlich niemand lesen, niemand liken, niemand kommentieren und mein Buch somit ganz und gar unsichtbar bleiben? Warum mache ich mir dann überhaupt die viele Mühe, wenn ich doch wie ein kleiner Trotzkopf die Regeln des Social Media breche? Allen voran das Credo „du musst dich zeigen“. Muss ich das wirklich? Und was heißt das überhaupt genau? Wer zeigt sich schon wirklich selbst auf Social Media? Was ist überhaupt ein „Selbst“? Zeigt in retuschiertes, gefiltertes Video wirklich so viel mehr von sich als mein Avatar? 

    Für den zweiten Regelbruch wird der Algorithmus mich vermutlich bestrafen. „Du musst Reels veröffentlichen“ ist eines der wichtigsten Gebote. Ich könnte das jetzt befolgen, um den Algorithmus zu füttern, indem ich meine Slides abfilme. Wenn ich schon keine Selfievideos drehe, wie ich meinen Kaffee trinke. Und darunter schreibe „was macht ihr heut so?“ Aber das trotzige Kind in mir ist stärker. Ich werde hauptsächlich Slides veröffentlichen, in denen ich Zitate, Infos, Charaktere, Playlists, Fotos von den Schauplätzen etc. zeige. Warum aber mache ich das auf Instagram, wenn ich doch gar nicht die dortigen Regeln befolgen möchte?

    Erstens habe ich tatsächlich ein paar hübsche Beispiele von Autorinnen gefunden, die mein Bücherherz berührt haben. Ich fand viele Beispiele von ästhetischen Fotos und stimmigen Beiträgen, in denen Bücher vorgestellt werden. Mein Widerstand begann zu schwinden. Vielleicht ja doch? Natürlich möchte ich niemanden abkupfern, sondern meinen eigenen Stil finden. Vielleicht ist das ja auch auf Instagram möglich, ohne Schmerzen zu empfinden. Und vielleicht wird es sogar trotzdem jemand lesen. Ich bin gespannt.

    Zweitens reizt mich die Herausforderung, mich kurz zu fassen. Ich liebe es, Blogposts zu schreiben, hier kann ich ausschweifen, so lange es mir beliebt. Leider bekomme ich es nicht mit, wenn meine Leserinnen anfangen zu gähnen oder den Artikel nicht zu Ende lesen. Aber auf Social Media muss ich meine Aussagen von vornherein auf das Wesentliche reduzieren. Das ist gar nicht so einfach, aber es schult mein fokussiertes Denken. Ich versuchte meine Protagonisten mit ein paar Stichworten zu beschreiben und das Buch in wenigen Worten. 

    Nicht zuletzt habe ich Spass daran, die Fotos der Schauplätze auszugraben. Und ich freue mich sehr darauf, sie mit euch zu teilen. Vielleicht wird es sogar einen Buchtrailer geben. Das ist auch so eine Nebelschwade, die in in meinem Kopf herumspukt und sich vielleicht irgendwann materialisieren wird. Ich freue mich einfach darauf, die Vorfreude auf mein Buch mit euch zu teilen. In diesem Sinne – folgt mir auf Instagram!

  • Soll ich oder soll ich nicht?

    Gedanken zum Marketing (1)

    Alle tun es. Oder zumindest sagen alle, das man es tun muss. Was ja nicht hundertprozentig das selbe ist. Man könnte mir unterstellen, dass schon allein diese Tatsache Grund genug sei, dagegen zu sein. Aber das stimmt nicht. Ich habe es versucht. Ehrlich versucht. Aber alles in mir sträubt sich dagegen. Dann kann es doch nicht gut sein, oder? Man sollte doch zumindest ein wenig Spaß an dem haben, was man tut? Jetzt könnte man einwenden, den habe ich ja in meinem Brotberuf auch nicht immer und das stimmt in letzter Zeit sogar immer öfter. Aber darum heißt er ja auch Brotberuf. Und nicht Spaßberuf. Irgendwann hat das sogar einmal einigermaßen zusammen gepasst, aber die Wege gingen immer weiter auseinander. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Heute spreche ich von Marketing. Das hat zwar auch wieder ein wenig mit meinem Brotberuf zu tun, weil mein Chef mir dort einmal gesagt hat, ich verkaufe mich nicht gut genug. Was mich jetzt über diesen Umweg doch wieder zum Ursprungsthema bringt. Ich bin ein introvertierter Mensch. Ich schreibe lieber als ich rede. Deswegen habe ich ein Buch geschrieben. Eigentlich sogar schon zwei. Oder zweieinhalb. Wäre ich ein extrovertierter Mensch, hätte ich meine Trennungsgeschichte vielleicht in einem Kabarettprogramm verarbeitet. Oder mich als Singer Songwriter ausgedrückt. Ich schreibe aber gern. Auch und ganz besonders an meinen Lebensbrüchen. Dann fließt es förmlich aus mir heraus, ohne dass ich es verhindern könnte. 

    Meine Auswanderungsversuch nach Ägypten mit Mann und Baby war so ein Lebensbruch, den ich in meiner Kurzgeschichte verarbeitet habe:

    Deswegen habe ich auch schon mal einen Blog geschrieben. 2011 ließ ich in desperateworkingmum.worpress.com all meinen Unmut über eine berufliche Degradierung entweichen. Und weil mir das so viel Spass gemacht hat und ich die Kommentare so sehr genossen habe, wurde das ganze dann auch ein wenig ausgeweitet um Anekdoten über das Familienleben. Schließlich ging es um eine Mom und die erlebt ja mehr als nur Arbeit. 

    Ein Jahr später blieb der Blog dann leider verwaist, weil ich statt der kleinen Alltagssorgen richtige Probleme bekam. Die ich dann zwölf Jahre später in meinem Memoir Trennung al dente verarbeitet habe. 

    Wollte ich nicht eigentlich über Marketing schreiben? Beim Schreiben kann ich so schön abschweifen, wie es mir sprechenderweise niemals gelingen würde. Meine Freunde bezeichnen mich als ruhig, während meine Tastatur eine richtige Plaudertasche zu sein scheint. 

    Eigentlich bin ich ja doch schon mittendrin im Thema. Denn warum sollte ich jetzt Werbung für mein Buch machen, und vor allem wo und wie? Als desperateworkingmum bloggenderweise meine Erlebnisse in die Welt zu posaunen hat mir doch so viel Freude bereitet, niemals wäre ich damals auf den Gedanken gekommen, damit etwas verdienen zu wollen, obwohl es durchaus vergleichbare Blogs mit diesem Hintergrund gab. 

    Und beim Blog habe ich mich noch nicht einmal komplett schreibenderweise verausgabt. Ich habe sogar schon einmal ein ebook geschrieben. Eines, das mir heute ehrlicherweise ein wenig peinlich ist. Ich wollte es eigentlich verschenken, aber der Mindestpreis auf KDP war 99 Cent. Das erschien mir gerade noch angemessen. Ich versah es mit einem selbst geschossenen Foto als Cover. Das war mein erstes Memoir bevor ich überhaupt wusste, was ein Memoir ist. Ich habe darin ein Problem aus meiner Welt beschrieben und meinen persönlichen Umgang damit und den Versuch es zu lösen. Und ich wollte Menschen mit ähnlichen Problemen damit Mut machen. Genauso wie mein Blog offensichtlich einen Nerv vieler anderer Mütter getroffen hat, wie ich den aufmunternden Kommentaren entnehmen konnte.

    Leider blieb mir nach Veröffentlichung meines ersten ebooks weder Zeit noch Muße, sein weiteres Schicksal zu verfolgen, weil statt der bisher beschriebenen Sorgen ja richtige in mein Leben getreten waren. Vielleicht verrate ich euch irgendwann einmal Pseudonym und Titel des ebooks.

    Erst als ich mein Trennungs-Memoir „Trennung al dente“ fertig geschrieben hatte, wagte ich es, die 69 Rezensionen meines ersten ebooks zu lesen. Etwas spät, könnte man jetzt einwenden, denn ein paar Monate vorher hätte ich vielleicht noch etwas daraus lernen können für mein neues Projekt. Aber damals hatte ich noch nicht an eine Veröffentlichung gedacht. Der Gedanke setzte sich erst nach und nach fest und ließ sich nach der ersten Testleserin nicht mehr vertreiben. Danach begann ich mich auch für das Schicksal meines ersten ebooks zu interessieren. Über 1000 Menschen hatten es gekauft. Ich war erstaunt und dankbar. Und 69 Menschen haben sich doch tatsächlich die Mühe gemacht, eine Rezension zu verfassen. Ich war begeistert und dankbar. Für die guten und auch für die weniger guten, denn aus denen konnte ich tatsächlich etwas lernen. 

    Und kurz vor Ende meines Posts komme ich jetzt auch zum angekündigten Thema. Ich schreibe gern. Und manche Menschen mögen mein Geschriebenes. Aber ich verkaufe mich nicht gern und wie schon mein Brotberufs-Vorgesetzter festgestellt hat, tue ich das auch nicht gut. Und trotzdem will/soll ich für mein neues Buch Marketing machen. Warum eigentlich, wenn mir doch früher auch das Schreiben aus Spaß an der Freud gereicht hat? 

    An irgendeinem Punkt hatte ich das Bedürfnis, aus meinem neuen Buch etwas ganz Besonderes zu machen. Ich wollte ihm ein Lektorat gönnen, damit es aus meinem persönlichen Dunstkreis heraustreten und aus einer anderen, professionellen Sichtweise heraus überprüft und verbessert werden kann. Genauso wie für mein erstes ebook hatte ich zwar auch eine Idee für das Cover im Kopf, aber ich scheiterte an der Umsetzung. Schließlich bin ich keine Designerin. Mein Buch, das den Menschen Freude bereiten soll, das sie unterhalten, zum Lachen bringen und Mut machen soll, hatte etwas Besseres verdient. Ich vertraute es einer Coverdesignerin an und war begeistert vom Ergebnis. 

    Beim Einarbeiten der Anmerkungen aus dem Lektorat sind mir sicher wieder Fehler unterlaufen und das wollte ich meinen Leserinnen zur zumuten also unterzog ich es auch noch einem Korrektorat. Ich lud mir kostenfreie Vorlagen für Buchsatz mit Word herunter und probierte damit herum. Das Ergebnis befand ich aber nicht für würdig für mein Buch. Jetzt hatte ich eine Lektorin am Text schleifen lassen, eine Coverdesignerin hat dafür gesorgt, dass der erste Blick auf ansprechende Weise etwas über den Inhalt aussagt, eine Korrektorin hatte die Fehler ausgemerzt und dann soll ich es mit so einem selbst gemachten Buchsatz auf die Reise schicken, der aussieht, als stamme er von einem Menschen ohne besonderes Talent oder Begeisterung für Buchsatz? Das brachte ich nicht übers Herz. Und so addierten sich die Kosten, die ich einerseits gerne bereit war vorzuschießen für mein Herzensprojekt. Andererseits wäre es natürlich fein, wenn sie durch den Verkauf wieder hereinkämen und  mir weitere Herzensprojekte ermöglichten. 

    Und ausserdem – ich möchte ja Menschen mit meinem Buch berühren, ihnen Mut machen und sie zum Lachen bringen. Wie sollte das gehen, wenn niemand das Buch kennt? Dann also doch Marketing. Und jetzt doch zum Anfangsthema. Soll ich auf Instagram oder soll ich nicht?

  • Warum ein Memoir schreiben? Und warum veröffentlichen?

    Gedanken zu einem unterschätzten Genre (2)

    In meinem letzten Post Was ist ein Memoir? widmete ich mich den Beweggründen, ein Memoir zu lesen. Aber warum sollte man auf den Gedanken kommen, eines zu schreiben? In meinem Fall ist die Antwort ganz einfach: Weil ich muss. Manche Dinge treten einfach ein, ohne dass man sie verhindern könnte. Wir treffen einen Menschen, ohne ihn gesucht zu haben und verbringen einen großen Teil unseres Lebens mit ihm. Jetzt könnte man einwenden, das Schreiben eines Buches sei eine aktive Handlung, die man setzen könne oder auch bleiben lassen, aber in meinem Fall war das nicht so. Ich musste schreiben. Es schreibt mich.  Und ich musste genau diese Geschichte schreiben. Sie floss einfach so in die Tasten, ohne dass ich es verhindern konnte. Eigentlich wollte ich meinen vor Jahren begonnenen Wirtschaftskrimi weiterschreiben oder einen inzwischen in meinem Kopf entstandenen neuen Krimi ohne jede Wirtschaft in Wort kleiden. Aber kaum begann ich, die Charaktere auszuarbeiten, stellte ich fest: einer davon ähnelt immer mir selbst. So ging das nicht. Ich musste mich zuerst von meiner Vergangenheit frei schreiben. Erst dann dürfen die fiktiven Geschichten aus meinem Kopf befreit werden. 

    Als die ersten Seiten zu fließen begannen, stellte ich Erstaunliches fest: Meine Sichtweise auf die Dinge veränderte sich. Eigentlich hatte ich geplant, wie in meinem Seminar zum Memoir Schreiben gelernt, meine Tagebücher aus der entsprechenden Zeit zu Rate zu ziehen. Ich versuchte die ersten Zeilen in den Notizbüchern zu entziffern und legte sie gleich wieder weg. Viel zu traurig. So kann das nicht gewesen sein. So kann ICH nicht gewesen sein. Ich begann die Geschichte so aufzuschreiben, wie sie in meinem heutigen Hirn gespeichert ist und interessanterweise ist das nicht die gleiche, die in den alten Aufzeichnungen steht. Aber was ist schon wirklich wirklich? Diese Frage beschäftigte ja schon die großen Philosophen und kann von mir bestimmt nicht geklärt werden. Daher finde ich mich damit ab, dass es eben mehrere Wirklichkeiten selbst in mir gibt. Durch das Aufschreiben der Geschichte begann ich sie jedenfalls in einem neuen Licht zu sehen und das bietet immer Raum für neue Erkenntnisse. 

    Die therapeutische Wirkung des Schreibens

    Therapeutisches Schreiben wird manchmal als Begleitung zu einer Therapie angeboten, zur Unterstützung für schwer kranke Menschen oder auch «einfach so». In meinen herausfordernden Zeiten habe ich mir ein Buch über therapeutisches Schreiben besorgt, aber nach den ersten Seiten sowohl im Buch als auch im Notizblock stellte ich fest: das Schreiben funktioniert auch so. Ich brauche gar keine weitere Anleitung. Ich will damit nicht die Bedeutung dieser Unterstützungen schmälern. Aber ich schreibe einfach und danach geht es mir besser. Als ob ich einen Teil meines Schmerzes, meiner Sorgen an die Wörter abgeben könnte, die aus mir herausfließen. Beim Schreiben in einer helleren Stimmung passiert erstaunlicherweise das Gegenteil: die Freude verringert sich durch das Schreiben nicht so wie der Schmerz, durch das Aufschreiben manifestiert sich das Schöne und wird noch realer. Was für ein Wunderding dies Schreiben doch ist.

    Das Schreiben eines Memoirs bietet also gleich doppelte Belohnung: Beim Schreiben das Tagebuches (das durchaus als Grundlage dienen kann) gibt man den Schmerz ab und beim Schreiben des Memoirs mit gebührendem Abstand kann man neue Erkenntnisse gewinnen und sein Leben zwar nicht rückwärts leben, aber immerhin rückwärts verstehen.

    Warum dieses Sendungsbewusstsein?

    Warum aber sollte man auf die Idee kommen, die Ergebnisse dieser Übungen zur Psychohygiene mit anderen zu teilen? Die Antwort ist in meinem Fall wieder die gleiche wie auf die Frage, warum ich diese Geschichten überhaupt schreibe: Weil ich muss. An einem bestimmten Punkt meines Schreibprojektes (so ungefähr ab der Seite 80) setzte sich der Gedanke in mir fest und ließ sich nicht mehr vertreiben. Ich versuchte ihm hartnäckig beizukommen mit allen Argumenten, die gegen eine Veröffentlichung sprechen. Du kannst dich doch nicht so öffentlich bloßstellen, noch weniger kannst du die Menschen deiner Umgebung öffentlich bloßstellen, kein Verlag würde das jemals annehmen…Der Gedanke hatte aber für jedes Problem eine Lösung parat: er dachte sich ein Pseudonym aus, schrieb die handelnden Personen so um, dass sie nicht mehr zu erkennen waren (es ging ja schließlich um mein persönliches Erleben und Wachstum, die Auslöser dafür waren beliebig austauschbar und es machte sogar Spaß, mir als Fingerübung für meine zukünftigen fiktionalen Buchprojekte zur Handlung passende Charaktere auszudenken). Für das Problem mit dem Verlag gibt es schließlich Self-Publishing. Ich schickte die erste 80 Seiten einer Freundin und sie animierte mich, das Projekt weiter zu betreiben. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Ich schrieb das Buch fertig, gab es zwei weiteren Testleserinnen, die mich ebenfalls in der Idee bestärkten. Hier kannst du mehr über mein Buchprojekt Trennung al dente erfahren.

    Natürlich habe ich meinen Gedanken um ein wenig Konkretisierung gebeten. Warum sollte ich das tun?  Reich und berühmt würde ich damit kaum werden. Aber ich hatte das Bedürfnis, meine Erkenntnisse zu teilen, anderen Frauen in ähnlicher Lebenslage das Gefühl zu vermitteln «Du bist nicht allein», vielleicht können meine Geschichten Mut machen. Bei den Dingen, die mir nicht so gut gelungen sind, kann ich vielleicht wenigstens als schlechtes Vorbild dienen. Und im besten Fall meine Leserinnen unterhalten. Wenn mir das gelingt, dann habe ich meine Mission vollendet. Ich bin sicher, da draussen in der Welt gibt es Menschen, die das lesen mögen, auch wenn die Verlage nicht daran glauben. Deswegen gehe ich gerade diesen spannenden Weg und lerne Lektorinnen, Coverdesignerinnen und Buchsetzer kennen. 

    Vielleicht wage ich ja trotz aller Unkenrufe doch noch irgendwann einen Verlagskontakt und zwar auf ganz besondere Weise: am 3. April startet auf Startnext ein Crowdfunding zum spannenden Projekt PitchMyBook. Die engagierten Lektor:innen von buchfein.at schaffen eine Plattform zur Vernetzung von Autoren und Verlagen. Es färbt immer ein wenig auf mich ab, wenn Menschen mit Begeisterung ein Thema voranbringen. Vielleicht geht es dir genauso, wenn du das Pitch-Video ansiehst: https://www.startnext.com/pitchmybook

    Und vielleicht sind unter meinen Leserinnen ja auch Schreiberinnen, die auf einer solchen Plattform einmal einen Versuch starten wollen. Die Plattform gibt es jetzt schon und mein Stöbern dort bringt mich wieder zum heutigen Thema. Die Kategorie «Memoir» findet sich nicht in der Auswahlliste, wenn man ein Manuskript einreichen möchte. Aber vielleicht ändert sich das ja irgendwann.

  • Was ist ein Memoir?

    Gedanken zu einem unterschätzten Genre (1)

    Was habe ich mit Tara Westover und Elisabeth Gilbert gemeinsam? Ich habe ein Memoir geschrieben. Nun ist es natürlich vermessen, mich mit den Bestsellerautorinnen vergleichen zu wollen. Es gibt aber einen weiteren Unterschied zwischen mir und diesen Autorinnen. Ich lebe in Europa. Hier wird dieses Genre etwas unbeholfen versteckt unter „Romanhafte Biografie“, „Biografischer Roman“ oder auch „Autofiktion“, wenn der Rahmen des Erlebten verändert wird, sei es um Persönlichkeitsrechte zu wahren oder eine Spannungskurve aufzubauen.  

    In der amerikanischen Heimat der beiden Schriftstellerinnen hingegen erfreut sich das Memoir großer Beliebtheit. 

    Was ist überhaupt ein Memoir?

    Ich befrage meinen neuen Besserwisser ChatGPT und bekomme folgende Antwort:

    Ein Memoir ist eine literarische Gattung, die eine autobiografische Erzählung darstellt, sich jedoch auf spezifische Ereignisse, Themen oder Zeitabschnitte im Leben des Autors konzentriert, anstatt dessen gesamte Lebensgeschichte zu erzählen.

    Im Gegensatz zur klassischen Autobiografie, die meist chronologisch und umfassend das Leben einer Person schildert, ist ein Memoir oft persönlicher, reflektierender und thematisch fokussiert. Es kann sich beispielsweise um eine prägende Erfahrung, eine besondere Beziehung oder eine bestimmte Lebensphase drehen.

    Typische Merkmale eines Memoirs:
    • Subjektive Perspektive: Der Autor erzählt aus seiner eigenen Sicht und reflektiert über Erfahrungen.
    • Fokus auf Emotionen und persönliche Erkenntnisse: Oft geht es weniger um Fakten als um individuelle Wahrnehmungen und innere Entwicklungen.
    • Erzählende, literarische Form: Viele Memoirs sind stilistisch wie Romane geschrieben und nutzen literarische Mittel wie Dialoge und szenische Darstellungen.

    Mit dieser Beschreibung finde ich mein Memoir „Trennung al dente – wie ich mich an etwas klammerte, das ich ohnehin nie hatte“ durchaus passend getroffen.

    Anderen Definitionen zufolge werden in einem Memoir außergewöhnliche Ereignisse geschildert. Dem würde ich weder in meinem Fall, noch in dem von Elisabeth Gilbert zustimmen. Millionen von Frauen erleiden Trennungen, entdecken und haben Affären, durchleben Scheidungen. In „Eat, Pray, Love“ liegt das Hauptaugenmerk zwar in der anschließenden Bewältigung des traumatischen Erlebnisses auf den Reisen durch Italien, Indien und Bali. Aber auch diese Reisen sind nicht unbedingt außergewöhnlich. Erst die Art und Weise, wie darüber geschrieben wird und vor allem der sehr persönliche Ausdruck machen das Buch zu etwas Außergewöhnlichem, sogar einzigartigem, denn die Autor:in, die das schreibt, ist schließlich die einzige, die das auf genau diese Weise empfunden hat und ausdrückt.

    Natürlich gibt es auch jede Menge Beispiele von Memoirs mit außergewöhnlichen Erlebnissen, aber das ist für mich nicht der wichtigste Grund für den Griff zu so einem Buch.

    Wo findet man ein Memoir bei den Verlagen und auf Amazon?

    Es geht die Mär, dass es für Autobiografien weitgehend unbekannter Menschen keinen Markt gebe. Daher werden sie in den Verlagsprogrammen auch versteckt, entweder als „erzählendes Sachbuch“, „Erfahrungsbuch“ oder „Schicksalsbericht“. Ein Exposé eines solchen Werkes an einen Verlag zu senden, könne man sich sparen. Genau aus diesem Grund wird mein Memoir „Trennung al dente – wie ich mich an etwas klammerte, das ich ohnehin nie hatte“ im Selbstverlag erscheinen.

    Ob es helfen würde, eine plausiblere Übersetzung des etwas sperrigen Begriffes „Memoir“ zu finden? Schließlich fehlen nur zwei kleine Buchstaben zu den „Memoiren“, die meist ein ganzes Leben umfassen und chronologisch geschrieben sind, oft auch in einem formelleren Stil und daher ein ganz anderes Publikum anziehen, als das emotionalere Memoir.

    Die Unsicherheit mit diesem Genre zeigt sich auch in den Buchcovern.

    Beim Bestseller „Educated“ von Tara Westover springt einem beim Vergleich von englischem und deutschem Cover bereits der Unterschied ins Auge. 

    Der Zusatz „A MEMOIR“ vom englischen Cover hat es nicht auf die deutsche Übersetzung „Befreit“ geschafft. 

    Auf dem Cover von „Die Asche meiner Mutter“ von Frank McCourt liest man immerhin den Versuch, das „A MEMOIR“ vom englischen Original „Angela`s ashes“ mit „Irische Erinnerungen“ zu übersetzen.

    Wie machen das die deutschsprachigen Memoir-Autoren? Im November 2024 erschien „Man kann auch in die Höhe fallen“ von Joachim Meyerhoff. Wie alle fünf Bände davor habe ich auch diesen verschlungen. Auf dem Cover steht einfach nur „Roman“, ohne Hinweis auf autobiografische Inhalte.

     Interessant finde ich bei dieser Reihe auch die Einsortierung in den Amazon-Kategorien:

    Die ersten beiden Teile waren noch unter „Mehr Kleintiere“ und „Romanhafte Biografien“ zu finden, die Bände drei und vier nur mehr unter „Romanhafte Biografien“ und „Biografische Romane“, der letzte unter „Konflikte“ und „Literarische Belletristik“.

    Tatsächlich habe ich auch ein Memoir einer deutschsprachigen Autorin gefunden, die das Genre prominent auf dem Cover platziert:

    Unter dem Titel „Schafft euch Schreibräume! Weibliches Schreiben auf den Spuren Virginia Woolfs“ von Judith Wolfsberger steht tatsächlich „Ein Memoir“.

    Wie werde ich das Problem lösen? Bald erscheint ja mein Buch „Trennung al dente – wie ich mich an etwas klammerte, das ich ohnehin nie hatte“. Was wird außer Titel und Autorin noch auf dem Cover stehen? Roman? Memoir? Oder einfach gar nichts? Und in welche Amazon-Kategorien wird es ein sortiert? Die Leserin in spe darf gespannt sein.

    Warum sollte man ein Memoir lesen?

    Kennt ihr das auch? Ich befinde mich in einem Umbruch. Die Situation ist neu für mich, wie gehe ich damit um? Wen kann ich fragen, mit wem mich austauschen, wer kann mir vielleicht helfen, wer hat ähnliches erlebt und mag seine Erfahrungen mit mir teilen? Niemand in meinem Bekanntenkreis ist gerade in dieser Lebenslage. Meinen Freundinnen gehe ich allmählich damit auf die Nerven, dass ich immer wieder die gleichen Überlegungen vor ihnen wiederkäue (auch wenn sie es niemals zugeben würden).

    Foren waren für mich früher eine beliebte Anlaufstelle in solchen Lebenslagen. Mir unbekannte Menschen schildern in groben Zügen ihre Erfahrungen und bekommen Kommentare von ebenso unbekannten Menschen. Ich postete selten etwas, verschlang aber gierig die Berichte der anderen. Um wieviel spannender ist es dann erst, die Erfahrungen einer Leidensgenossin in der ganzen Bandbreite zu lesen, mit Details, aus denen ich auf die Charaktere schließen kann und einer Handlung, mit der ich die Entwicklung der Personen miterleben kann? All das kann ich in einem Memoir lesen.

    Das ist für mich aber nicht der einzige Grund für diese Art von Lektüre. Als ich „Eat, Pray, Love“ zum ersten Mal gelesen habe, wäre ich selbst niemals auf den Gedanken gekommen, dass die Erfahrung einer Scheidung auch in mein Leben treten würde. Persönliche Schilderungen haben immer das Potenzial, uns in ihren Bann zu ziehen. Wir leiden, lieben und lachen mit der Protagonistin natürlich auch in fiktiven Werken, aber vom Hinweis „nach einer wahren Geschichte“ verspreche ich mir oft noch eine zusätzliche Prise Identifikation mit der Autorin.