Autor: angela

  • Trennung nach dem Urlaub

    Die Vorgeschichte

    SIE

    Eigentlich beginnt es schon lange davor. Du freust dich auf deinen Jahresurlaub. Er soll dich entschädigen für all den Stress und die Entbehrungen in deinem Leben. Im Urlaub soll es dir einmal so richtig gut gehen. Alles soll perfekt sein. Deswegen muss er optimal geplant werden. Das Hotel liegt direkt am Meer, natürlich. Du wirst auf dem Balkon sitzen und den Sonnenuntergang genießen. 

    Endlich wirst du deinen Bewegungsdrang ausleben können, den du im Alltag so oft unterdrücken musst. Du sitzt im Büro, am Hin- und Heimweg im Auto. Während dein anderes Ich auf dem Rennrad durch die Gegend flitzt. Aber halt leider nur in Gedanken, im Herzen. Das wird im Urlaub anders sein. Du wirst endlich wieder einmal das Gefühl auskosten, vollkommen ausgepowert zu sein und guten Gewissens einen Teller voller Pasta zu verschlingen.

    Vielleicht probierst du auch eine neue Sportart aus – wie wäre es mit Wellenreiten? Nach so viel ungewohnter Anstrengung für deinen Körper gönnst du ihm auch mal ein wenig Auszeit in der Sauna, vielleicht sogar eine Massage.

    Die Kinder werden inzwischen bestens unterhalten und gefördert, knüpfen neue Freundschaften beim Fußball-Spielen oder Töpfern. Abends erzählt dann beim gemeinsamen Essen jeder von seinen Erlebnissen. Wenn die Kinder im Bett sind, wirst du noch mit deinem Partner auf der Hotelterrasse das Tanzbein schwingen. Vielleicht werdet ihr auch einmal zu zweit das Candlelight-Dinner genießen, während die Kinder mit den Betreuern im Miniclub essen. Das wird der perfekte Urlaub. Nichts einkaufen, nichts kochen, nicht kümmern müssen. Einfach nur leben, sein, genießen.

    Diese Stecknadel im Heuhaufen ist natürlich nicht unbedingt einfach zu finden. Deswegen bereitest du dich akribisch auf den Urlaub vor. Und selbstverständlich gehst du davon aus, dass dein Partner auch diese Wünsche hegt. Deswegen braucht man erst gar nicht darüber zu sprechen. Ist ja wohl logisch. Wer sollte nicht so einen perfekten Ausgleich zum Alltag anstreben. Um all diese Wünsch erfüllt zu bekommen, braucht es schon fast eine eierlegende Wollmilchsau. Oder einen Cluburlaub. 

    Ganz feine Antennen irgendwo an einem Ort in deinem Kopf, wo bruchstückhafte Erinnerungen an eure Zeit als kinderloses Paar vor sich hindümpeln, beginnen zu schwingen. An die Zeit, wo ihr euch und eure Vorlieben kennen gelernt habt. Was für Musik hörst du gerne? Welche Filme gefallen dir besonders gut? Wohin möchtest du reisen? Was machst du gerne im Urlaub? Liegt in diesem Areal irgendwo die nicht unerhebliche Information, dass dein Mann keinen Cluburlaub mag? 

    Aber das war in einem anderen Leben, das zählt nicht. Sicherlich sieht er das jetzt ganz anders. Er will doch auch ausspannen, den beruflichen Stress los lassen, sich nicht um die Kinder kümmern müssen. Sollst du ihn fragen oder ihn einfach mit einer Buchung überraschen? Er freut sich doch immer, wenn du die Anforderungen des Alltags erledigst, ohne ihn damit zu belästigen. Wenn du ganz ehrlich zu dir wärst, müsstest du dir jetzt eingestehen, dass du Angst vor der Diskussion hast. Angst, deine Wünsch verteidigen, vielleicht sogar Kompromisse eingehen zu müssen. Nein, da machst du deinem Mann lieber eine Freude und erledigst das lästige Urlaub-Buchen für ihn. 

    ER

    Wie sehr ich mich auf den Urlaub freue. Endlich den ganzen Stress abfallen lassen. Mich auf mich selbst besinnen, meine Frau, meine Familie. Dem Lärm des Alltags entfliehen, Ruhe und Stille finden. Naja, in dem Rahmen, in dem das mit zwei Kindern halt möglich ist. Aber ihnen wird ein wenig Abstand auch gut tun. Mir schwebt für heuer etwas ganz Besonderes vor. Das war schon lange mein Wunsch. Heuer werden wir es realisieren, jetzt sind die Kinder groß genug. Wir werden auf einer Almhütte wohnen. Wir werden Wanderungen machen, auf Berge steigen, die Kinder werden die Natur kennen und lieben lernen. Ich werde sicher den perfekten Ort dafür finden. Vielleicht gibt es in der Nähe einen kleinen Bergsee, in dem sich kurz abkühlen kann. Wir werden als Familie so richtig zusammen wachsen durch die gemeinsam erlebten Abenteuer. Am Lagerfeuer werden wir Stockbrot grillen und nachts auf einer Hängematte die Sternschnuppen bewundern. Das wird ein Funkeln und Leuchten sein weit abseits der Lichtverschmutzung. Falls es einmal regnen sollte, werden wir gemeinsam spielen, lesen oder malen, es wird unsere Kreativität wecken. Ich werde Holz hacken für das Feuer, das einfache Leben wird uns eine tiefe Verbundenheit zur Natur spüren lassen und zueinander, nicht nur während des Urlaubs, sondern auch noch danach. Dieser Urlaub wird uns als Paar und als Familie verändern, zusammenwachsen lassen. 

    Ob ich mal mit meiner Frau darüber rede? Lieber nicht, sie hat ja ohnehin so viel um die Ohren. Obwohl wir beide berufstätig sind, kümmert sie sich ehrlicherweise mehr um die Kinder als ich. Bis auf die zwei Wochen Familienurlaub taktet sie die ganzen Ferien durch. Zeit bei den Großeltern, Sport-Camps, Sommer-Betreuung. Wirklich toll macht sie das. Da kann ich ihr wenigstens einmal die Urlaubsplanung abnehmen. Sie wird sich sehr darüber freuen. Schließlich redet sie immer davon, wie gern sie mal ausspannen möchte. Das kann man in so einer Hütte ja wirklich ganz besonders gut. Und wie sehr ihr der Sport fehlt. Sie wird das Wandern lieben. Vielleicht sollte es Forstwege geben in der Umgebung. Dann könnten wir die Mountain-Bikes mitnehmen. 

    Das wird nicht unbedingt einfach werden, die perfekte Hütte zu finden. Am besten fange ich gleich mal damit an. Zuerst mit meiner Frau zu reden, würde das ja außerdem viel zu sehr verzögern. Bis wir endlich mal Zeit finden für ein ausführliches, ruhiges Gespräch, sind die besten Objekte sicher schon vergeben. Und außerdem kann ich sie endlich mal überraschen mit einer positiven Aktion, einem richtig aufwändigen Beitrag von mir. Wo sie sich ohnehin oft über ihren Mental Load beschwert. Vielleicht nicht ganz zu unrecht, aber dafür verdiene ich mehr Geld. Und das wird uns jetzt einen unvergesslichen Sommerurlaub ermöglichen.

    In meinem Roman „Trennung al dente“ gibt es auch eine Trennung nach dem Urlaub. Allerdings und völlig anderen Vorraussetzungen. 

  • Ist Polyamorie erlaubt?

    Dein Atem beruhigt sich langsam wieder. Tief in dir verspürst du ein angenehmes Kribblen. Das Oxytocin rauscht durch deine Blutbahnen und kitzelt deine Rezeptoren, die sich mit diesem Mann verbinden wollen. Du bist dir ganz sicher. Das ist der Mann deines Lebens. Was für ein Jammer, dass der erst jetzt aufgetaucht ist. Denn jetzt wartet zu Hause ein Anderer. Der vorher der Mann deines Lebens war. Oder es auf eine gewisse Weise auch noch immer ist. Den du auch nicht verlieren möchtest. Aber an den du jetzt nicht denken willst. Denn du bist im viel gepriesenen Hier und Jetzt und möchtest deinen Hormonrausch genießen.

    Aber es ist mehr als das. Der Mann, der jetzt gerade an deiner Seite ist, aber nicht als der offizielle Mann an deiner Seite gilt, beflügelt nicht nur dein körperliches Empfinden sondern streichelt auch deine Seele. Du willst mehr als diese gelegentlichen Treffen. Du willst mit ihm zusammen sein. Ganz offiziell. Schon seit einiger Zeit drückt diese Entscheidung wie eine Last, die du ständig mit dir herumtragen musst, niemals absetzen kannst. Wenn du hier bist, scheint es sonnenklar und ganz einfach. Wenn es sich so gut anfühlt, kann es doch nicht falsch sein? 

    Dann gehst du nach Hause. In dein anderes Zuhause. Denn auch diese Wohnung fühlt sich an wie ein Zuhause für dein Herz und für deine Seele. 

    Im anderen Zuhause empfängt dich Vertrautheit und Wärme. Gemeinsame Vergangenheit, gemeinsame Zukunftspläne, Intellektuelle Stimulation. Schon gerät deine Entscheidung wieder ins Wanken. Das alles aufzugeben kann doch auch nicht richtig sein? Musst du überhaupt eine Entscheidung treffen? Natürlich musst du das, wenn du nicht mehr irgendwelche fadenscheinigen Ausreden erfinden willst, um diesen Mann zu treffen. Aber musst du dich wirklich zwischen den beiden Männern entscheiden?

    Du bist schon seit vielen Jahren mit deinem Mann verheiratet und die tiefen Gespräche wurden manchmal mit großer Offenheit geführt. Gemeinsam seid ihr durch Höhen und Tiefen gegangen. Seine Affäre war eine Zerreißprobe für eure Ehe und auch für deine Seele. Sogar die Möglichkeit einer Offenen Beziehung habt ihr in Betracht gezogen. Du konntest dir ein Leben ohne diesen Mann schwer vorstellen, wolltest ihn und den Traum von der gemeinsamen Zukunft nicht loslassen. Er hat dir versichert, dass seine Außenbeziehung ausschließlich sexueller Natur sei. Du bist seine große Liebe und daran würde sich auch nichts ändern, wenn er ab und zu seine körperlichen Bedürfnisse außer Haus auslebte. Andere Paare gehen schließlich in Swinger Clubs. Eine fein säuberliche Trennung von Herz und Körper erschien dir zumindest theoretisch möglich.  Auch wenn es in der Praxis manchmal schwer zu ertragen war. 

    Und irgendwann war es dann vorbei. Ein paar Narben sind zurück geblieben, aber welches Herz bleibt schon davor verschont im Laufe eines Lebens? Es nicht zu verschenken, wäre vielleicht eine Möglichkeit,  um es vor Verletzungen zu bewahren, aber das führte zu einer anderen Art von Kummer. Also hast du deine Wunden gepflegt und von deinem Mann pflegen lassen, bis sie zu Narben verheilt sind, die im weiteren Beziehungsleben kaum stören. Nur wenn man sie ganz manchmal an einer ganz bestimmten Stelle trifft. 

    Und jetzt das. Du willst nicht länger lügen. Aber mit einer Offenen Beziehung wäre das Problem nicht gelöst. Wenn behauptest, deine Außenbeziehung wäre nur sexueller Natur, würdest du weiterhin lügen. Es wäre eine andere Art von Lügen als die Erfindung von abendlichen Meetings und mehrtägigen Dienstreisen. Aber du würdest deinen Geliebten und dich selbst verraten mit dieser Behauptung. Dein Mann hat das bereits erlebt, also kannst du vielleicht auf Verständnis hoffen. Aber du möchtest gerne ein Leben in Wahrheit führen. Und die Wahrheit ist: du liebst zwei Männer. Niemals hättest du das für möglich gehalten. Du warst überzeugt vom Grundsatz „Wenn in der Beziehung alles in Ordnung ist, kann man sich nicht fremdverlieben.“ Das ist die Gefahr von festen Überzeugungen. Das Leben belehrt einen manchmal eines Besseren. 

    Du hast da einmal diesen Artikel in einer Zeitschrift gelesen. Menschen führen eine Liebesbeziehung zu mehr als einem Menschen. Polyamorie. Aber das war noch in deiner alten Vorstellungswelt. Du dachtest, das sei nur ein anderer Ausdruck für „offene Beziehung“. Einen Menschen hat man für die seelischen und einen für die körperlichen Bedürfnisse und beide wissen voneinander und alle respektieren dieses Arrangement. Aber zwei Menschen gleichzeitig zu lieben? Welcher ist dann der Haupt-Partner und welcher der Neben-Partner? Kann das wirklich funktionieren? Wie fühlt sich ein Mensch, wenn er weiß, dass er die Liebe seines Partners teilen muss? Kann es eine Liebe ohne Eifersucht überhaupt geben? Es heißt doch, ein gewisses Maß ein Eifersucht sei sogar gesund für die Beziehung. Wo soll der Platz für diese „gesunde Eifersucht“ in dieser Beziehungsform sein? Oder ist die Monogamie nur gesellschaftlich antrainiert und wenn wir diese Fesseln sprengen, können wir ein Leben in der Fülle der Liebe führen?

    Vielleicht ist es in einer queeren Beziehung einfacher? Wenn ein Mann nicht gegen einen anderen Mann „verloren“ hat, sondern gegen eine Frau, vielleicht kommt er damit denn besser damit zurecht?

    Und wie soll das in der Praxis aussehen? Wohnen alle Mitglieder dieser Liebesgemeinschaft unter einem Dach? Das hätte zumindest schon mal den Vorteil, dass die häuslichen Pflichten verteilt werden können. Verbringt man die Nach einmal beim einen und einmal beim anderen? Dafür bräuchte man sehr schalldichte Wände, denn man möchte doch kaum akustisch dem Liebesspiel seines Partners mit dem Zweit-Partner beiwohnen. Oder bedeutet Polyamorie auch gemeinsames Liebesspiel? 

    Ein wesentlicher Knackpunkt ist wohl auch die Bewertung durch die Gesellschaft. Wie wird es von Nachbarn, Kollegen, sogar dem Freundeskreis aufgenommen? „Was die Leute sagen“ ist uns nicht wirklich egal, auch wenn die Bedeutung des Individuums im Gegensatz zur Gemeinschaft in unserem Kulturkreis immer mehr zunimmt, tragen die meisten von uns tief in uns wohl doch den Wunsch nach Zugehörigkeit. 

    Trotz gesellschaftlicher Ächtung ist es nicht verboten, zwei Menschen gleichzeitig zu lieben. Man kann halt nur mit einem davon verheiratet sein. Der bekommt dann Auskunft im Krankenhaus, darf die Post abholen und erbt das Vermögen. Aber niemand kann dir verbieten, zwei Männer zu lieben. 

    Leider kennst du niemanden, der diese Beziehungsform lebt. Nicht einmal jemanden, der jemanden kennt. Das ist auch  nicht weiter verwunderlich, denn die offizielle Zahl der öffentlich lebenden polyamoren Menschen in Deutschland liegt bei unter 0,1 %. Wie soll man da jemanden finden, um sich auszutauschen? Aber vielleicht lieben ja auch Menschen polyamor, die es nicht offen zugeben würden? 

    In meinem Roman „Trennung al dente“ gerät Julia auch an einen Punkt, an dem sie sich entscheiden muss und sie fragt sich, ob Polyamorie vielleicht ihre Probleme lösen könnte.

  • Fremdverliebt – was tun?

    Jetzt ist es passiert. Niemals hättest du das für möglich gehalten. Schließlich liebst du deinen Partner. Aber jetzt fühlst du dich so beschwingt. Der Alltag geht dir leicht von der Hand, und wenn nicht, so flutscht er wenigstens an dir vorüber, während du an ihn denkst. Dabei hat alles so harmlos angefangen. Aber eigentlich ist es ja immer noch harmlos. Ist es das wirklich? Wo ist die Grenze, ab der es nicht mehr harmlos ist? Und was ist das Gegenteil von harmlos? Wenn du mit einem anderen Mann schläfst? Oder pausenlos an ihn denkst? Wenn es in deiner Brust sticht, in deinen Eingeweiden rumort beim Gedanken an ihn? Wenn du dein Handy mit auf die Toilette nimmst, um mit ihm schreiben zu können? Wenn du dich besonders zurechtmachst für einen Tag im Büro, an dem du ihm über den Weg laufen könntest? Oder ist Sex die einzige Grenze, ab der es nicht mehr harmlos ist? Würdest du jemals so weit gehen? Jetzt liegt dieser Gedanke so fern wie die übernächste Galaxie, aber galt das vor ein paar Wochen nicht auch noch für das Fremdverlieben?

    Man kann sich nicht Fremdverlieben, wenn man in der Beziehung glücklich ist. So heißt es doch. Aber stimmt das wirklich? Du warst doch glücklich in deiner Beziehung. Aber was heißt überhaupt glücklich? Ihr habt einen gut eingespielten Alltag, gemeinsame Kinder, Urlaube oder Hobbys. Nur selten geratet ihr in Streit, und wenn, dann über banale Kleinigkeiten. Im Bett ist zwar etwas Routine eingekehrt, aber das ist doch normal in einer langjährigen Beziehung. Oder etwa nicht? Erwartest du etwas mehr Einfallsreichtum von deinem Partner, oder solltest du vielleicht selbst mal die Initiative für etwas Außergewöhnlicher ergreifen? Denkst du beim Sex manchmal an deinen Schwarm? Ist damit auch schon die Grenze zum Harmlosen überschritten?

    Was gehört noch zum Glück? Die Schmetterlinge sind erlahmt, aber auch das ist doch normal nach einigen Jahren oder etwa nicht? Kann man sie wiederbeleben? Oder flattern sie immer nur für frisch Verliebte? Dann müsste man ja alle paar Jahre den Partner wechseln, wenn man vom Flügelschlag der Schmetterlinge berührt werden möchte. 

    Du teilst gemeinsame Werte mit deinem Partner. Aber davon fängt der Schmetterling auch nicht mehr zu flattern an. Es ist eine solide Grundlage. Aber eine solide Grundlage ist halt manchmal so spannend wie Beton. Deinen Schwarm im Büro findest du zwar unglaublich anziehend, sexy, charmant. Mit ihm fühlst du dich wieder lebendig. Er ist nicht das Betonfundament, sondern das Luftschloss. Aber kann man in einem solchen dauerhaft leben? Und willst du das überhaupt? Warum kann man nicht beides haben – Das Fundament mit dem Luftschloss darauf? 

    Wenn du das wirklich möchtest, ist das zumindest für eine Zeitlang sicher möglich. Manche schaffen es sogar über Jahre hinweg eine Parallelbeziehung zu führen. In der dann halt auch die Schmetterlinge irgendwann erlahmen werden. Aber die Parallelbeziehung ist vielleicht leichter gegen neue Schmetterlinge auszutauschen, als die „Hauptbeziehung“. 

    Aber eigentlich kannst du dir nicht vorstellen, deinen Partner so sehr zu verletzen. Aber würdest du ihn überhaupt verletzen, wenn er gar nichts davon weiß? Schon jetzt hast du den Eindruck, dass eure Beziehung ein wenig in Schwung gekommen ist. Können Schmetterlinge die langjährige Beziehung beleben, auch wenn sie eigentlich für jemand anderen flattern? Und darf man dieses Gefühl auskosten, wenn man damit niemandem weh tut? 

    Das sind einfach viel zu viele Fragen für einen Menschen ganz alleine. Du hast das dringende Bedürfnis, sie mit jemandem zu teilen. Aber mit wem? Der Mann deiner besten Freundin ist mit deinem Mann befreundet. Diese Konstellation habt ihr immer sehr genossen. Ihr fahrt gemeinsam in den Urlaub, geht zum Klettern und passt gegenseitig auf eure Hunde oder Kinder auf. Wenn du jetzt deine Freundin einweihst, bringst du sie in einen Konflikt. Ganz abgesehen davon könnte sie dein Geheimnis unabsichtlich verraten. Deine anderen Freundinnen sind dir nicht ganz so nahe. Vielleicht ist das eine bessere Idee? 

    Am sichersten ist vielleicht erst einmal das Internet. Du kannst dir deine Situation in einem Forum von der Seele schreiben. Und dort triffst du ganz bestimmt Gleichgesinnte. Denn wie soll deine Freundin dich verstehen, wenn sie niemals gefühlt hat, was du fühlst? Oder vielleicht hat sie das sogar und hat es dir nur nicht erzählt? Das wäre ein Grund mehr, es ihr zu verschweigen. 

    Oder sollst du es vielleicht überhaupt deinem Mann beichten? Vielleicht macht ja auch die Heimlichkeit einen Teil des Reizes aus, und der ist dann verschwunden, wenn du erst einmal gebeichtet hast? Vielleicht hat er ja sogar Verständnis für dich? Schließlich hast du ihn schon lange im Verdacht, er könne ähnliches erlebt haben. Damals, vor drei Jahren, als er plötzlich angefangen hat zu Joggen, auf sein Gewicht zu achten und seine langweiligen weißen Hemden plötzlich bunter wurden. Die Veränderungen waren so klischeehaft, dass es unter deiner Würde war, sie zu bemerken. Also hast du beschlossen, sie in deinem  Unterbewusstsein zu verbannen. Aber dort haben sie offensichtlich ein so freundliches Klima vorgefunden, dass sie bis heute überlebt haben und du sie jetzt hervorholen kannst. Vielleicht würde das deine Position bei einer Beichte verbessern? Angriff ist ja schließlich die beste Verteidigung.

    Aber du möchtest deinen Partner ja gar nicht angreifen. Du möchtest doch nur verstanden werden. Und glücklich sein. Und niemandem weh tun. Aber geht das überhaupt? Am ehesten scheint es noch möglich zu sein, wenn alles bleibt, wie es ist. Du bleibst in deiner stabilen Partnerschaft. Die fehlenden Schmetterlinge flattern im Büro und solange sein Partner nichts davon weiß, ist er auch nicht unglücklich. Aber jetzt meldet sich ein kleines Teufelchen. Vielleicht ist dein Partner ja gar nicht treu? Vielleicht waren die Veränderungen vor drei Jahren nur der Anfang und er hat bis heute eine Parallelbeziehung, von der du nichts weiß? Was weiß man schon wirklich von seinem Partner? An Gelegenheiten mangelt es schließlich nicht, weder dir, noch deinem Partner. Yoga, Stammtisch, Mädlsabend, Dienstreisen….

    Dieses Dilemma beschäftigt so viele Menschen, es ist in unzähligen Filmen und Büchern präsent. Unter anderem in meinem Buch „Trennung al dente“, wo Parallelbeziehungen vor, während und nach einer Trennung verheimlicht, gelebt und offenbart werden und alle Beteiligten eigentlich nur glücklich sein wollen.

  • Erste Hilfe für die Seele

    Du hast die Affäre deines Partners entdeckt. Zufällig oder auch nicht, wer weiss das schon. In dir kocht, brodelt und wütet es. In deiner Brust wird ein Messer mehrmals hin- und her gedreht, ganz langsam, damit es auch richtig weh tut. 

    Auf die Schockstarre folgt der Wunsch nach Aktionismus – aber welche Aktion eigentlich? Was ist richtig in dieser Lebenslage? Schließlich hast du dich darauf nicht vorbereitet. Niemand geht davon aus, dass einem das passieren könnte. Obwohl die statistische Wahrscheinlichkeit recht hoch ist. Aber es geht auch niemand davon aus, in einen Unfall verwickelt zu werden, wenn er morgens sein Auto besteigt. In der Führerscheinausbildung muss man immerhin einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren. Auch wenn sich wahrscheinlich nur mehr wenige Verkehrsteilnehmer mehr als vage daran erinnern könne.

    Aber jetzt ist es tatsächlich passiert. Die selbsterfüllende Prophezeiung kann es also nicht gewesen sein. Aber gibt es das überhaupt? Einen Erste-Hilfe-Kurs für die Seele? 

    Mangels Vorbereitung bist du jetzt auf andere Ersthelfer angewiesen. Wie auch bei den körperlichen Themen sind manche dafür besser geeignet als andere. Aber bei der seelischen Erste-Hilfe kommt noch ein weiterer Komplexitätsgrad hinzu. Während die menschlichen Körper bis auf Äußerlichkeiten eher ähnlich aufgebaut sind – das Herz ist meist an der selben Stelle zu finden für die Massage und der Mund für die Beatmung auch – ist die Seele ein weiteres Feld. Man weiß ja noch nicht einmal wirklich, was das eigentlich genau ist und wo das sitzt. Und obwohl es durchaus Parallelen gibt, sind die seelischen Empfindungen noch breiter gefächert als die körperlichen Reaktionen.

    Somit wären als seelische Ersthelfer wohl jene geeignet, die einem möglichst ähnlich sind. Das kann bei Freundinnen durchaus der Fall sein. Andererseits verbinden uns Freundschaften oft mit Menschen aus alten Zeiten, oder auch um das eigene Selbst zu ergänzen. Diese Freundin weiß dann vielleicht nicht, wo genau der Knopf ist, der jetzt auf welche Weise gedrückt werden muss. Sie schließt – wie die meisten Menschen – von sich auf andere. Es ist wie der Telefonjoker oder die Publikumsbefragung bei der Millionenshow. Die Antwort kann richtig sein oder auch nicht. 

    Echte Freundinnen werden in dieser Lebenslage mit ehrlich gemeinter seelischer Unterstützung zur Seite stehen. Aber gut gemeint ist ja bekanntlich nicht immer gut. Jetzt können Äusserungen kommen wie „Dieser Scheißkerl hat dich doch gar nicht verdient.“ Dieser Satz kann objektiv gesehen richtig sein, aber trotzdem nicht der richtige für dich – vielleicht willst du ja verzeihen, der Liebe noch eine Chance geben? „Du wirst den Mistkerl doch wohl nicht zurück nehmen!“, „Du hast doch auch deinen Stolz“, und weitere Ratschläge gehen in die ähnliche Richtung. 

    In der ersten Phase kann Wut ein durchaus wertvolles Gefühl sein und gemeinsam mit den Freundinnen zu wüten tut besonders gut. Geteilte Wut ist doppelte Wut und viel hilft viel. Aber irgendwann ist vielleicht genug gewütet und du willst diese Phase verlassen, reflektieren, vielleicht auch gewisse Anteile bei dir suchen, dass es überhaupt so weit gekommen ist.

    Gesellschaftliche Erwartungen können in alle Richtungen wirken. Früher wurde von Frauen erwartet, Affären ihres Mannes stillschweigend zu dulden. Aus wirtschaftlichen Gründen blieb ihnen meist auch nichts anderes übrig. Scheidungen waren etwas für Hollywood-Stars.

    Glücklicherweise haben sich die Zeiten geändert. Trotzdem kann gesellschaftlicher Druck immer noch wirken, wenn auch manchmal in die andere Richtung. Von einer emanzipierten Frau wird erwartet, den untreuen Scheißkerl zu verlassen. Auch wenn sie das vielleicht gar nicht möchte. 

    Neben den Freundinnen gibt es noch die professionellen Ersthelfer für seelische Beeinträchtigungen aller Art. Die sollten doch eigentlich Bescheid wissen über die unterschiedlichen Bedürfnisse und wie sie zu stillen sind. Meine Erfahrungen damit gehen sehr weit auseinander. Nun darf man ja von einem Seelenklempner keine handfesten Gebrauchsanleitungen erwarten. Ein hilfreiches Zitat einer Therapeutin versuche ich heute noch in mir wirken zu lassen: „Wer das Problem hat, hat die Lösung.“ Tief in mir weiß ich bereits, was zu tun ist. Ich muss dieses Wissen nur frei legen. Das ist umso schwerer, je mehr es von Ratschlägen zugeschüttet wird, so gut gemeint die auch sein mögen. 

    Andererseits habe ich auch durchaus konkrete Vorschläge bekommen. Hilfreiche, die ich nicht befolgt habe. Zum Beispiel zu lernen, mir selbst genug zu sein. Statt dessen habe ich nach meiner Trennung sofort zu daten begonnen. Mein angeknackstes Selbstbewusstsein wollte unbedingt aufpoliert werden und das versprach ich mir von männlicher Bewunderung.

    Der Vorschlag, bei dem es mir heute noch kalt über den Rücken läuft, kam von einem Paartherapeuten. Wir hatten ihn aufgesucht, als die Affäre ans Licht kam, ich um die Ehe kämpfen wollte. „Gönnen Sie ihrem Mann in der nächsten Zeit zwei Frauen, wenn Sie das können.“ Und zu dem untreuen Ehemann: „Und Sie genießen es in nächster Zeit, zwei Frauen zu haben.“

    Dass ich darauf eingegangen bin, kann ich heute nur auf meinen damaligen seelischen Ausnahmezustand zurückführen. Und es hat mir auch keineswegs geholfen. Es war, wie wenn man bei einer Herzmassage zur Ersten Hilfe die Rippen bricht und damit dem Wiederzubelebenden in die Lunge sticht, nachzulesen in meiner Geschichte „Trennung al dente“.

  • Radfahren in Salzburg oder Bullshit Bingo in der Mobilitätswende

    Schon lange bevor ich vorsichtig darauf zurolle, versuche ich die Lage zu checken. Quert eine Touristentraube mit Sonnenschirm voran schon von weitem sichtbar? Soll ich sicherheitshalber schon mal einen Fuß ausklicken? Nein, es scheint einigermaßen geordnet zu laufen da vorne. Ich rolle weiter, reduziere nochmal mein Tempo. Gleich kommt das schwierigste Stück. Der Radweg teilt sich links und rechts um einem mächtigen Baum herum. Jetzt könnte man meinen, ist doch gut, wie auf der Autobahn mit Mittelstreifen, für jede Richtung eine Fahrbahn. Das dumme ist nur, dass dieser Mittelstreifen mehr Platz einnimmt, als die verbleibenden Streifchen für die Radfahrer. Wenn alle alles richtig machen, jeder auf der richtigen Seite fährt, kann das ganz gut klappen und die Reaktionsschnellsten unter uns sind auch in der Lage, rechtzeitig den Touristen auszuweichen, die, den Blick entweder auf die Festung, die Salzach oder den Aperol Spritz gerichtet, auf der Fahrbahn umhertaumeln. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, Radwege hauptsächlich zu Lasten der noch schwächeren Verkehrsteilnehmer zu errichten.

    Aber wo soll hier auf dem Radweg der Aperol Spritz herkommen? Je nach Tageszeit ist jetzt erst die schwierigste Stelle zu passieren. Wir fahren am Monkeys vorbei, Menschen aus meiner Altersgruppe kennen es auch noch als Bazillus. Der Gastgarten hat sich ausgebreitet, die Gäste sitzen jetzt an der Außenkante des kleinen Mäuerchens, natürlich mit Blick auf Festung und Salzach. Besonders lange Beine können hier einem Radfahrer schon mal ein Haxerl stellen, aber das ist nicht die wahrscheinlichste Kollisionsquelle. Wer vom Durst oder sonstigen körperlichen Bedürfnissen geplagt von seinem Sonnenplatzerl aufspringt um selbige schnellstmöglich zu stillen, bringt vielleicht nicht die ausreichende Vorsicht auf, um vorbeizischenden Radfahrern rechtzeitig auszuweichen. Siehe noch schwächere Verkehrsteilnehmer. 

    Hat man diese Passage erfolgreich gemeistert, steht man zumindest als Fußgänger vor einer Herausforderung, die nach derzeitigem Stand der Technik schier unlösbar scheint. Man muss sich plötzlich dematerialisieren wie die Crew von Star-Trek, die gerade von Scotty hoch gebeamt wird.

    Der Fußgängerweg endet hier. Der Radweg wird noch schmaler, und welchem Fußgänger sei es zu verdenken, wenn er sich darauf verirrt und weitere Kollisionsgefahren heraufbeschwört?

    Nun habe ich verletzungsbedingt diese abenteuerliche Fahrradreise auf dem Arbeitsweg in den letzten Jahren leider nicht auskosten können. Heute aber habe ich mich zum ersten mal wieder ein paar Kilometer ins Stadtgebiet gewagt, ein Unterfangen, das nur routinierten Fahrern zu empfehlen ist. Und das ist das wirklich Traurige daran. Viele Eltern – mich eingeschlossen – möchten ihre Kinder aus Sicherheitsgründen nicht im Stadtgebiet fahren lassen. Auch Senioren, deren Reaktionsvermögen langsam nachlässt, ist es nicht unbedingt anzuraten. Denn die oben geschilderte Variante ist die zu Lasten der Fußgänger. Die gefährlichere Variante, Radwege in Salzburg zu schaffen, besteht darin, einen Streifen auf die Fahrbahn mit einem Fahrradsymbol darauf zu malen. Was die meisten Autofahrer herzlich wenig kümmert. 

    Aber zurück zu meinem sonntäglichen Abenteuer. Das war ja eine reine Vergnügungsfahrt und zählt als solche wahrscheinlich nicht in die Statistik der zurückgelegten Wege, die lt. „Mobilitätsmasterplan 2030“ auf die „Aktive Mobilität“ verlagert werden sollen. Aber es gibt ja vielleicht auch Menschen, die hier zur Arbeit fahren, manche vielleicht sogar mit einem Rennrad, so wie ich früher. Das ist derzeit im Bereich Schloss Glanegg eher nicht zu empfehlen. Jetzt weiß ich auch, warum die Gravelbikes plötzlich so beliebt sind. Der Radweg, der früher durch den Gutshof führte, der wegen der dortigen Bremshügel für den Rennradfahrer auch damals schon etwas sportlich war, endet jetzt vor ebendiesem. Einen jahrelangen Streit um diesen Radweg habe ich nur am Rande mitbekommen und irgendwie kann ich den Gutsbesitzer ja auch verstehen. Ich möchte auch nicht unbedingt Kolonnen von Radfahrern durch meinen Garten ziehen lassen, auch nicht hügelgebremste. Jetzt allerdings steht man plötzlich auf grobem Schotter. Ich schwanke zwischen den Optionen, einen Platten zu riskieren oder mich wieder auf die Straße zu begeben. Die Radwegbenützungspflicht gilt in Österreich für Rennradler auf Trainingsfahrt nicht, aber so fühle ich mich auf meinen ersten Rollversuchen gerade nicht. 

    Als ich über die Moosstraße wieder stadteinwärts radle, hebt das meine Meinung über die Radwege nicht unbedingt. Neben einer bestens gepflegten Straße windet sich ein kümmerliches Streifchen, an einigen Stellen haben Wurzeln den Asphalt gehoben. Trotz dieses Untergrunds bin ich sicher wieder zuhause angekommen und hier google ich die kürzlich verkündete Mobilitätsäwende der Bundesregierung. Und fühle mich zurückgeworfen in Zeiten, wo ich mit einem Kollegen in der Arbeit Bullshit-Bingo gespielt habe. Mein persönlicher Hitverdächtiger ist die „Aktive Mobilität“. Ich habe ein wenig gebraucht, bis ich verstanden habe, dass damit die Radfahrer und wahrscheinlich auch Fußgänger gemeint sind. Bis 2040 soll sich dieser Anteil an der Verkehrsleistung verdoppeln. Da bin ich mal gespannt, wie das aussehen wird. Nun ist mir zwar bekannt, dass es auch außerhalb Salzburgs noch eine Fahrradwelt gibt, aber ob die die hiesige Politik kompensieren kann? Schließlich wurde 2021 der Radwegkoordinator abgeschafft. Das ist wenigstens konsequent. Wenn man im Jahr 2018 eine Brücke zur Verbindung wesentlicher Stadtteile baut, den Radweg aber aus Kostengründen weglässt, wenn man also Radwege konsequent nicht ausbauen möchte, kann man sich ja auch den Koordinator dafür sparen. 

    Jetzt könne man meinen, heute schreibt Julia Landers etwas, das so gar nichts mit Liebeskummer zu tun hat. Oder wenigstens mit dem Autorenleben. Aber das stimmt gar nicht. Alles hat mit Liebeskummer zu tun, wenn man diesen gerade durchleidet. Man kann ihn zwischendurch vielleicht einmal kurz zur Seite schieben, aber er durchtränkt das Leben wie der Nagellackentferner den Wattebausch, der auch manche Stellen trocken lässt. Und eines meiner Lieblings-Ablenkungsmanöver für trockene Stellen im Liebeskummer-Wattebausch ist eben das Radfahren.

    Dasselbe gilt für das Autorenleben. Alles, was ein Autor erlebt, zählt zum Autorenleben, so wie, frei nach Reinhard P. Gruber „alles was ein Steirer anzieht, ein Steireranzug“ ist. 

    Aber falls ich doch lieber etwas ausführlicher über Liebeskummer lesen wollt, hier gehts zu meinem Debütroman „Trennung al dente“.

  • Ein Kind gehört zur Mutter

    Mit dem Kleidersack über der Schulter betrete ich das Headquarter in Wien. Endlich ist wieder ein Präsenzmeeting angesagt, für das ich zwei Tage bleiben werde. Morgen ausschlafen, am Donaukanal entlang joggen, frühstücken, ohne Kakao über die Bluse geleert zu bekommen und dann tiefenentspannt und voller Tatendrang ins Büro. Ich liebe diese Wellness-Auszeiten.

    Bei der Aussicht auf so viele positive Vibes gibt es natürlich auch Neider. Einer kommt gerade um die Ecke, eine Kollegin aus dem dritten Stock.

    „Gell, die Kleine weint schon, wenn Sie wegfahren?“

    „Sie hat ja auch einen Papa.“

    „Aber eine Mutter kann schließlich nicht ersetzt werden.“ 

    Dem stimme ich durchaus zu. Für den Vorgang von Schwangerschaft und Geburt. Vielleicht noch für den des Stillens, aber es soll schon Kinder gegeben haben, die auch als Flaschenkinder prächtig gediehen sind.

    Meine einjährige Tochter genießt die Tage mit ihrem Papa gerade genauso wie seine selbst zubereiteten Kinder-Mahlzeiten. Ich wüsste nicht, was ich da als Mutter besser machen könnte. Das Öffnen von Hipp-Gläsern zählt sicher nicht dazu. Diese Meinung behalte ich aber für mich. Wir schreiben das Jahr 2001. Nicht einmal 2% der Männer gehen in Karenz. Mein Mann als Vollzeit-Papa ist eine nahezu unbekannte Spezies.

    Ein Kind später bin ich immer noch berufstätig und mittlerweile werden wir von einem Au-Pair-Mädchen unterstützt. Neiderinnen gibt es immer noch. Da ich mittlerweile Teilzeit arbeite, habe ich jetzt Zeit für Spielgruppenmamatreffen. Mir bleibt gerade die Breze im Hals stecken, als ich höre:

    „Ich bewundere dich ja sooo sehr, dass du es schaffst, deine Kinder einem Au-Pair zu überlassen. Gerade hat doch eine ein Baby zu Tode geschüttelt. Ich würde das niemals schaffen.“

    Subtext: „Ich hätte auch gerne so viel Freiheiten wie du.“

    Da ich den Mund voll habe, bringe ich nur ein „hmmpff“ heraus, aber recht viel mehr hätte ich auch mit besseren Manieren nicht dazu beitragen können.

    „Es ist nicht meine Aufgabe, die Erwartungen der Gesellschaft an mich zu erfüllen“, denke ich in diesem Kontext lieber leise. Wir schreiben das Jahr 2001 in einem oberbayerischen Dorf. Rabenmutter ist ein ganz normales Wort.

    Eine Scheidung später arbeite ich immer noch Teilzeit. Ein Großteil meines Lebens ist mir um die Ohren geflogen. Was ich nie für möglich gehalten hätte, ist passiert. Was in meiner Überzeugung „für immer“ war, ist vorbei. Ein Schmerz, der für mich unvorstellbar war, hat mich gebeutelt. Und ich war versucht, Dinge zu tun, die ich mir niemals zugetraut hätte. Aber mit meiner Arbeit habe ich habe eine Konstante in meinem Leben, die mir Halt gibt. Und die finanziellen Möglichkeiten für eine faire Scheidung. Obwohl Tante Jolesch ja sagt, „Gott bewahre uns vor allem, was noch ein Glück ist.“ Aber ich habe mir diese Art von Glück schließlich nicht ausgesucht.

    Was ich mir auch nicht ausgesucht habe, ist die Regelung des Umgangsrechts in der Scheidungsfolgenvereinbarung. Es ist die einzig logische Konsequenz unserer Familien-Konstellation. Erst beim Anwalt habe ich erfahren, dass es dafür einen Namen gibt: „Nestmodell“ klingt doch ganz angenehm, finde ich. Unsere Teenager sind mit schulischen und außerschulischen Aktivitäten gut ausgelastet. Ich wollte ihnen kein Pendlerleben aufzwingen. Mit den Öffis wären sie drei Stunden zum Vater unterwegs gewesen und die Trainingspläne werden auch nicht auf Scheidungskinder zugeschneidert. Wenn schon jemand pendeln muss, dann sollten das die Eltern sein, die haben den Schlamassel schließlich verursacht. Jedes zweite Wochenende und jede Woche von Mittwoch auf Donnerstag habe ich jetzt frei. Und auch das ist wieder ein Glück, das ich mir nicht aussuchen würde. Zuerst klappere ich an den kinderlosen Wochenenden Freunde ab, die ich länger nicht besucht habe. Dann miete ich ab und zu ein Hotelzimmer. Ein mehr als seltsames Gefühl in der Heimatstadt, das ich auch in meinem Debütroman „Trennung al dente“ beschreibe.

    Und dann bekomme ich durch eine glückliche Fügung eine winzige Wohnung in weniger als mittelprächtiger Gegend, aber für mich bedeuten diese 23 Quadratmeter die große Freiheit. Die Freiheit war mehr als nur die Tatsache, mich ein paar Tage um keine Kinderbelange zu kümmern. Es war eine innere Freiheit, ein wieder-entdecken meines Selbst in einer neutralen Umgebung, die ich zu meiner ganz eigenen gestalten konnte. Und ich stellte mir ein wildes Leben vor in meiner Lasterhöhle, mehr als es im Familienaus auch ohne Anwesenheit der Kinder möglich gewesen wäre.  Im Großen und ganzen ist es diesbezüglich bei den Vorstellungen geblieben, aber wie sagt man so schön – Vorfreude ist die schönste Freude. Manchmal reagierten Außenstehende etwas sonderbar, wenn ich auf die Frage „wo wohnst du denn“ etwas auszuschweifen begann. Aber daran gewöhnte ich mich bald. 

    In Foren fragen Interessierte gelegentlich nach Erfahrungsberichten, da sie niemanden persönlich kennen mit diesem Modell, daher teile ich hier meine ganz persönlichen Erfahrungen mit den Nachteilen des Nestmodells:

    Der erste Nachteil ist eigentlich eine Voraussetzung: die Ex-Partner brauchen ein gutes Einvernehmen und sollten sich in der Erziehung weitgehend einig sein. Das ist für mich eine Grundbedingung, die bei Trennung sowieso immer zu gelten hat. In den schlimmsten Zeiten, wenn ich versucht war, dieses Credo außer acht zu lassen, habe ich mich zur Ordnung gerufen mit dem Mantra „Die Liebe zu meinen Kindern ist größer als der Hass auf meinen Ex.“ 

    Man muss teilweise weiterhin einen gemeinsamen Haushalt führen. Das waren auch die einzigen Bedenken meines Anwaltes, dass das Haus in einem unordentlichen Zustand hinterlassen werden könnte, was dem Einvernehmen wiederum schaden könne. Diesbezüglich konnte ich ihn beruhigen. Die Sauberkeitsstandards meines Ex-Mannes lagen über den meinen, er hat das Haus meist ordentlicher hinterlassen als vorgefunden.

    Die Kosten sind höher. Aus diesem Grund ist das Modell nicht immer möglich, manchmal bei bestimmten Konstellationen aber sogar günstiger.

    Es könnte Schwierigkeiten mit neuen Partnern geben. Das war in der Tat bei uns einer der Gründe, warum das Modell sich langsam aufgelöst hat. Gleichzeitig sind aber auch die Kinder einem starren Modell entwachsen und konnten selbst entscheiden, wann und wie sie ihren Vater besuchen wollen.

    Gleichzeitig hat noch eine Salzburger Besonderheit die Freude an meinen „wild days“ etwas getrübt: ich durfte in der Stadtwohnung keinen Nebenwohnsitz begründen. So lebte ich meinen „U-Boot-Status“ an diesen Tagen immer unentspannter und es fügte sich das Auslaufen des Modells auch in meine persönlichen Bedürfnisse.

  • Schreiben oder nicht schreiben?

    Die beiden Seelen in meiner Brust driften so weit auseinander, ich fühle mich zum Zerreissen gespannt. Was tun? Fahren oder nicht fahren? Warum habe ich mich überhaupt angemeldet damals? Ich habe doch gar nichts Bedeutsames zu sagen über mein Leben? Und hier kann ich in dieser Zeit nun wirklich Bedeutsames leisten. Ich kann meine Ehe retten.

    Gerade hat mein Mann sich bereit erklärt, die Affäre zu beenden und bei der Familie zu bleiben. Wenn ich jetzt nach Wien fahre, wird er mir das vielleicht wieder als Eheverfehlung ankreiden?

    Aber was noch viel schlimmer ist: Wenn ich jetzt wegfahre, hat DIE ANDERE freie Bahn. Vielleicht trifft er sie dann doch wieder? Andererseits. Kann ich das verhindern, wenn ich hier bleibe? Ich kann ihn doch nicht auf Schritt und Tritt bewachen? Wenn ich das könnte, wäre das doch gar nicht erst passiert. Es ist allerdings auch passiert, weil ich mich in einer falschen Sicherheit wähnte. Es gibt keine Sicherheit, schon gar nicht in Beziehungen. 

    Es hatte meiner Seele solchen Auftrieb gegeben, als ich das Schreiben entdeckt hatte. Besonders nach dem Dämpfer in meinem Job. Angefangen habe ich mit ein paar kleinen Übungen aus dem Buch von Julia Cameron. Plötzlich hat es mich gepackt und ich wusste: ich muss schreiben. Abends, wenn die Kinder im Bett waren, saß ich im Kerzenschein auf der Terrasse und versank in mein Tun. Im Nachhinein gesehen hätte ich lieber mit meinem Mann im Bett versinken sollen. Hinterher ist man immer klüger. 

    Andererseits. Warum muss ich auf diesen Tanz meiner Seele verzichten? Warum kann ich nicht alles haben? Ich leiste in meinem Job, kümmere mich liebevoll um meine Kinder, und wenn dann nur mehr Zeit für eines bleibt, dann für die Rolle als Ehefrau? Ich habe sogar schon den Sport herunter gefahren für das Schreiben, mache nur mehr kleine Spaziergänge, die der Inspiration dienen. Und trotzdem habe ich meinen Mann offensichtlich vernachlässigt. Den Haushalt auch. Sagt er jedenfalls. Also hier bleiben und alle Versäumnisse nachholen?

    „Ein eigenes Zimmer“, wie Virginia Woolf es fordert, habe ich sogar. Es dient allerdings meiner Erwerbsarbeit im Homeoffice, wenn die Kinder krank sind oder sonstige Notfälle anstehen. Durch die Erwerbsarbeit habe ich sogar ein eigenes Einkommen, wie Virginia Woolf es ebenfalls fordert. Theoretisch wäre ich dadurch frei, unabhängig von einem Mann. Aber bin ich das wirklich? 

    Nein, das bin ich nicht. Weder finanziell, weil mein Teilzeitgehalt nicht die Familie ernähren könnte.  Dazu müsste auch meine Care-Arbeit für die Kinder bezahlt werden. Und schon gar nicht emotional. Sonst würde ich jetzt nicht mit dem Gedanken spielen, mein verlängertes Schreib-Wochenende in Wien abzusagen, damit mein Mann sich von seiner Geliebten fern hält. Was ich genau betrachtet auch mit einer Anwesenheit nicht verhindern kann.

    Also hole ich mir jetzt ein kleines Stück meiner Freiheit zurück und fahre nach Wien. Ich wohne bei einer alten Freundin und das ist schon ein großer Teil des Balsams, den dieses Wochenende auf meine Seele streichen wird. Endlich habe ich Gelegenheit mein Herz auszuschütten. 

    Und dann, endlich, beginnt der Workshop. Ich bin ein wenig aufgeregt. Die anderen Themen aus meinem Leben, die ich überlegt hatte, als Schreibstoff mitzubringen, erscheinen mir jetzt im Lichte meiner neuen Erlebnisse fad und schal. Aber über das Unaussprechliche zu schreiben, das vor einer Woche passiert ist? Gut, diese Hürde habe ich schon mit den Einträgen in mein Tagebuch genommen. Aber diese handschriftlichen Einträge kann ich danach nicht einmal selbst lesen. Hier wird ja nicht nur geschrieben, sondern auch vorgelesen, geteilt, kommentiert. Werde ich dazu in der Lage sein, ohne in Tränen auszubrechen? Ich werde das dann einfach ganz spontan entscheiden, wenn ich die Gruppe kennen gelernt habe.

    Wir sitzen um einen großen Tisch versammelt und stellen uns vor. Sofort fühle ich: Diesen empathischen Schreibenden kann ich meine Seele öffnen. Hier fühle ich mich aufgehoben. Hier bin ich vielleicht auch nicht allein mit meinem Leid. Auch andere Menschen erleben Unerfreuliches. Und das Leben bietet sicher noch Schlimmeres als eine aufgeflogene Affäre. Ich werde also darüber schreiben. Ana führt den Workshop auf so einfühlsame Weise, dass es mir geradezu leicht fällt, die Anfangsszene zu schreiben. Dass ich dadurch noch einmal erlebe, wie ich meinen Mann mit der Tatsache konfrontiere, macht es nicht schlimmer, im Gegenteil. Wut und Schmerz fließen aus meinem Kugelschreiber auf das Papier und sind dann dort gebannt, zumindest für eine kurze Zeit. 

    Für die Feedbackrunde lese ich mit zitternder Stimme meinen Text vor. Es werden die Bilder besprochen, die ich verwendet habe, diskutiert, ob und welche Gefühle durch bestimmte Wörter ausgelöst werden. Und mein Erstaunen setzt sich fort. Durch dieses Besprechen meines Textes auf der formalen Ebene scheint sich auch das Problem auf eine formale Ebene zu bewegen. Es ist jetzt nicht mehr der größte Schmerz meines Lebens, es ist Stoff für ein Buch. Zumindest in diesem Augenblick in dieser Gruppe. Und ich bin für jeden Augenblick dankbar, in dem der Schmerz mich so weit verlässt, dass er Raum lässt für Anderes, Schönes in meinem Leben.

    Ich frage Ana nach dem richtigen Zeitpunkt für das Aufschreiben einer schmerzhaften Geschichte. 

    „Wenn es noch ganz frisch ist, hat es den Vorteil, dass man es noch mit sehr viel Emotion beschreiben kann kann. Der Nachteil: man hat vielleicht nicht immer ausreichend Distanz zum Geschehen.“

    Ich lasse die Worte auf mich wirken. Und schreibe weiter mein Tagebuch. Letztendlich entscheidet das Leben für mich, wann ich das Buch schreibe. Als ich mich auf das zweite Workshop-Wochenende vorbereiten möchte, bin ich plötzlich Alleinerzieherin. Nicht eine Alleinerzieherin, die diese Rolle mal für ein Wochenende abstreifen und nach Wien fahren könnte, sondern ausschließlich. Ich bekomme Unterlagen und Aufgaben vom zweiten Workshop-Teil per mail und drucke alles aus.

    In dieser Mappe liegt es dann für die nächsten zwölf Jahre. Und als der richtige Zeitpunkt gekommen ist, packe ich es wieder aus und beginne zu schreiben.

    Daraus entsteht mein Buch Trennung al dente, das am 1. Juli 2025 erscheint.

    Anas Memoir-Workshop hat sich mittlerweile zu einem Lehrgang entwickelt.

  • Wie ein Dirndl – über die Liebe zu gedruckten Büchern gegen alle Logik

    Wie ein Dirndl – über die Liebe zu gedruckten Büchern gegen alle Logik

    Hochkonzentriert schneide ich das Bild aus dem Umschlag. Hier darf kein Schnitt zu tief gehen, was weg ist, ist weg. Auch den Klappentext von der Rückseite schneide ich vorsichtig in einem Rechteck aus. Dann schneide ich von der Folie genau so viel ab, wie ich brauche, um das Buch damit einzubinden. Jetzt kommt der schwierigste Teil. Ich lege das Buch vor mich hin, mit dem Rücken zu mir. Das ausgeschnittene Coverbild liegt mittig platziert darauf. Mit der Folie beginne ich jetzt ausgehend von der vorderen Kante das Bild auf das Buch zu kleben. Immer nur Zentimeter für Zentimeter, und sofort ganz fest in meine Richtung streichen. Auf keinen Fall darf der Einband Blasen werfen, er muss sitzen, wie ein Dirndl. Da kriegt man ja auch keine Luft drin.

    Rechts von mir liegt noch ein Stapel neuer Hardcover-Ausgaben mit unversehrtem Buchumschlag, links von mir ein kleinerer Stapel bereits eingebundener Bücher. Ich habe noch viel zu tun an diesem Nachmittag im Paradies. Hier reiht sich Buch an Buch in den Regalen an den Wänden. Meine Freundin, ihre Mutter und ich bereiten die Neuzugänge vor, damit sie bald von den Lesern verschlungen werden können. Zweimal die Woche hat das Paradies geöffnet, Sonntags nach der Kirche und am Dienstag nachmittag einfach so. Dann kann ich hier nach neuen Büchern stöbern. Wobei stöbern irgendwann in dieser kleinen Bücherei relativ ist. Die Jugendbücher habe ich alle ausgelesen, ich versuche mich jetzt an der Literatur für Erwachsene, die ich mal mehr, mal weniger verstehe, aber ich komme mir sehr erwachsen dabei vor.

    Meine paar Bilderbücher aus der Kleinkind-Zeit konnte ich rasch auswendig, auf manche Besucher wirkte es, als könnte ich lesen. Als Schulkind bekomme ich endlich Zutritt zu diesem Paradies hier und für Lesestoff ist gesorgt. Werde ich nach meinem Berufswunsch gefragt, sage ich immer „Schriftsteller“. Lesen von Büchern ist ja leider kein Beruf, also muss ich selber welche schreiben. Ich weiß noch nicht, dass es später einmal Buchblogger geben wird.

    Das Schreiben beschränkt sich vorerst auch auf ein paar wirre Fantasy-Stories und dann kommt das Leben dazwischen. Ein Studium, das so gar nichts mit Literatur zu tun hat, und um solche zu kaufen, habe ich wieder kein Geld, zum Lesen läßt mir mein Nebenjob sowieso keine Zeit. Danach folgen Familie und Karriere, bis letztere einen Knick bekommt, verbunden mit gesundheitlichen Problemen. Und ich finde, es ist an der Zeit, endlich meinen Jugendtraum zu realisieren. Ich werde Schriftstellerin.

    Ob und wann man das ist, hängt ja schließlich von der Definition ab, von den Maßstäben, die man an sich selbst legt. Wann ist man Autorin? Wenn man ein Buch geschrieben hat? Wenn man einen Verlag dafür gefunden hat? Wenn man eines im Selfpublishing veröffentlich hat – gilt das dann auch? Oder ist man dann kein richtiger Autor? Gibt es auch falsche Autoren? Und sind selbst veröffentlichte Bücher dann falsche Bücher? Werden Selfpublishing-Bücher, die sich gut verkaufen dadurch dann plötzlich von falschen zu richtigen Büchern? Fragen über Fragen, die ich mir gar nicht gestellt habe, als ich anfing zu schreiben. Ich schrieb ja erst einmal nur für mich. Bis eine Freundin das gelesen hat und sagte „Dein Buch muss in die Welt“. 

    Tja, und da ist es jetzt. Oder zumindest beinahe. Ich habe den Probedruck bekommen von meinem falschen Buch, das vielleicht ein richtiges wird, wenn es meinen Leserinnen gefällt. Und jetzt bin ich wieder beim Dirndl. Oder zumindest beinahe. Obwohl ich mittlerweile selbst viele ebooks lese, ist meine Liebe zum gedruckten Buch ungebrochen. So ein Werk anzufassen hat immer noch den gleichen Zauber wie damals im Paradies. Und deswegen wird mein falsches-aber-irgendwann-vielleicht-richtiges-Buch auch als Print-Ausgabe erscheinen. Für mich selbst, damit ich es anfassen kann, über die glatte, aber doch samtig weiche Oberfläche streichen, darin blättern, es auf- und zuklappen, schnell von der Seite 5 auf die Seite 295 blättern und vielleicht sogar ein Eselsohr in eine Seite biegen oder mit einem Bleistift etwas an den Rand schreiben.

    Natürlich ist es kein Hardcover wie damals im Paradies und wenn ich das Coverbild aus dem Taschenbuch schneide, prangt dort einfach nur ein hässliches Loch. Einbinden könnte ich es natürlich trotzdem und wieder darauf achten, dass die Folie sich wie ein Dirndl an den Umschlag schmiegt.

    Logisch betrachtet macht so ein Print-Buch für beide Seiten wenig Sinn, für die Leserin ist es teurer, für mich ist die Marge kleiner. Aber logisch betrachtet hätte ich erst gar nicht zu Schreiben beginnen sollen, sondern meine Zeit, meine Energie und mein Herzblut in die Wiederankurbelung meiner Karriere stecken, anstatt ein falsches Buch zu schreiben. Finanziell betrachtet sowieso. Denn es müssen sich erst genügend Leserinnen finden, um die Kosten für das wunderbare Cover und den schönen Buchsatz von coverboutique.de zu decken. Und das liebevolle Lektorat von buchfein.at Aber das ist es mir wert. Ganz entgegen meine sonstigen Gewohnheiten habe ich in den letzten Jahren kaum Geld für Sport oder Reisen ausgegeben. So rechne ich mir mein Buch schön. Das Abenteuer, das ich früher auf den Bergen suchte, halte ich jetzt in meiner Hand. Und ich bin genau so stolz und glücklich, wie wenn ich einen Gipfel bezwungen habe. Auch wenn es (vorerst) nur ein falsches Buch ist. 

    Aber ihr könnt aus dem falschen Buch ein richtiges machen. Meine persönliche Definition dafür ist nicht monetärer Natur und auch nicht, ob es einem Verlag gefallen hat. Wenn ich meine Leserinnen damit berührt habe, wenn ich jemandem, der selbst in einer Trennung steckt, Mut machen kann oder sie sogar zum Lachen bringen, dann ist Trennung al dente ein richtiges Buch.

    Das Buch erscheint im Juli!

  • Soll ich oder soll ich nicht? Ich hab es getan! 

    Gedanken zum Marketing (2)

    Jetzt rückt er also näher, der große Tag. Schritt für Schritt und hoffentlich unaufhaltsam. Die Aufregung steigt, obwohl sie sich dazwischen hoffentlich auch wieder ein wenig legen wird. Es wird ein schönes Cover geben, genau so, wie es in meinem Kopf schon herumspukt, seit sich dort die Idee zu meinem Buch verfestigt hat aus den vagen Schwaden, die dort schon seit Jahren mein Denken vernebeln. Natürlich nicht von mir. Also das Cover, nicht die Schwaden. Sondern von jemandem, der das wirklich kann. Und die es geschafft hat, aus meinen Beschreibungen genau das Bild aus meinem Kopf entstehen zu lassen. Ich bin beeindruckt und eben auch aufgeregt. Wenn es fertig ist, werde ich es auf meiner Bücherseite hier zeigen und ich hoffe, es gefällt euch genauso gut wie mir. 

    Und ich werde das Cover noch an einem anderen Ort zeigen, dazu habe ich mich jetzt endlich durchgerungen. Am Anfang war ich ja komplett dagegen. Meine Zielgruppe ist dort sicher nicht unterwegs, so dachte ich mir. Aber was weiß ich schon über meine Zielgruppe? Auch wenn ich sie aus marketingtechnischen Gründen gut kennen sollte. Aber ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich diesbezüglich viel zu sehr von mir auf andere, in dem Fall auf meine Zielgruppe schließe. Das ist einerseits vielleicht nicht ganz verkehrt, denn Frauen, die eine Trennung erlebt haben, werden sich vielleicht auch von meiner Geschichte „Trennung al dente“ unterhalten fühlen. 

    Manchmal versuche ich meinen Blick ein wenig vom Tellerrand zu heben und in einem solchen Anfall von Weitblick war ich dann doch geneigt, meiner Zielgruppe ein etwas differenzierteres Medienverhalten zuzugestehen als das meinige. Vielleicht tummelt sich ja doch die eine oder andere meiner potenziellen Leserinnen auf Instagram. Vielleicht sollte ich meine diesbezüglichen Vorurteile einmal kurz beiseite schieben und mich selbst dort umsehen. So gefährlich wird es schon nicht sein. Der Stundenfresser wird schon nicht mit aller Härte zuschlagen. Obwohl ich diesbezüglich schlimmes gehört habe. Von einem Bekannten zum Beispiel. Nein, kein typischer Fall von „ich kenn jemanden, der jemanden kennt, der hat…“ Ich kenne den wirklich persönlich, der aus beruflichen Gründen auf Instagram posten muss und die App danach sofort wieder von seinem Handy löscht, bevor der Stundenfresser zuschlagen kann. Vor seinem nächsten Post installiert er sie wieder. Oder der andere, der sich dafür die Bildschirmzeit limitiert hat und nur seine Freundin kennt den Code. Und in so gefährliche Welten soll ich mich begeben? 

    Aber den Mutigen gehört die Welt. Wenn ich schon so vor Ungeduld platze, von meinem Buch zu erzählen, dann werde ich das jetzt also auch auf Instagram unter julia_landers_autorin tun. Obwohl ich mich so lange dagegen gewehrt habe. Aber ich versuche es auf meine ganz persönliche Art und Weise, nicht so, wie alle sagen, dass man es machen müsse und auch nicht so, wie der Algorithmus es von mir verlangt. Ich mache es so, wie ich mich damit wohl fühle. Ich mache es so, wie es sich für mich persönlich und vor allem für mein Buch gut und richtig anfühlt. Und dann bin ich mal gespannt, was passieren wird. Wird es tatsächlich niemand lesen, niemand liken, niemand kommentieren und mein Buch somit ganz und gar unsichtbar bleiben? Warum mache ich mir dann überhaupt die viele Mühe, wenn ich doch wie ein kleiner Trotzkopf die Regeln des Social Media breche? Allen voran das Credo „du musst dich zeigen“. Muss ich das wirklich? Und was heißt das überhaupt genau? Wer zeigt sich schon wirklich selbst auf Social Media? Was ist überhaupt ein „Selbst“? Zeigt in retuschiertes, gefiltertes Video wirklich so viel mehr von sich als mein Avatar? 

    Für den zweiten Regelbruch wird der Algorithmus mich vermutlich bestrafen. „Du musst Reels veröffentlichen“ ist eines der wichtigsten Gebote. Ich könnte das jetzt befolgen, um den Algorithmus zu füttern, indem ich meine Slides abfilme. Wenn ich schon keine Selfievideos drehe, wie ich meinen Kaffee trinke. Und darunter schreibe „was macht ihr heut so?“ Aber das trotzige Kind in mir ist stärker. Ich werde hauptsächlich Slides veröffentlichen, in denen ich Zitate, Infos, Charaktere, Playlists, Fotos von den Schauplätzen etc. zeige. Warum aber mache ich das auf Instagram, wenn ich doch gar nicht die dortigen Regeln befolgen möchte?

    Erstens habe ich tatsächlich ein paar hübsche Beispiele von Autorinnen gefunden, die mein Bücherherz berührt haben. Ich fand viele Beispiele von ästhetischen Fotos und stimmigen Beiträgen, in denen Bücher vorgestellt werden. Mein Widerstand begann zu schwinden. Vielleicht ja doch? Natürlich möchte ich niemanden abkupfern, sondern meinen eigenen Stil finden. Vielleicht ist das ja auch auf Instagram möglich, ohne Schmerzen zu empfinden. Und vielleicht wird es sogar trotzdem jemand lesen. Ich bin gespannt.

    Zweitens reizt mich die Herausforderung, mich kurz zu fassen. Ich liebe es, Blogposts zu schreiben, hier kann ich ausschweifen, so lange es mir beliebt. Leider bekomme ich es nicht mit, wenn meine Leserinnen anfangen zu gähnen oder den Artikel nicht zu Ende lesen. Aber auf Social Media muss ich meine Aussagen von vornherein auf das Wesentliche reduzieren. Das ist gar nicht so einfach, aber es schult mein fokussiertes Denken. Ich versuchte meine Protagonisten mit ein paar Stichworten zu beschreiben und das Buch in wenigen Worten. 

    Nicht zuletzt habe ich Spass daran, die Fotos der Schauplätze auszugraben. Und ich freue mich sehr darauf, sie mit euch zu teilen. Vielleicht wird es sogar einen Buchtrailer geben. Das ist auch so eine Nebelschwade, die in in meinem Kopf herumspukt und sich vielleicht irgendwann materialisieren wird. Ich freue mich einfach darauf, die Vorfreude auf mein Buch mit euch zu teilen. In diesem Sinne – folgt mir auf Instagram!

  • einatmen – ausatmen – bei mir sein

    vier Takte für mehr Klarheit

    Ich stehe vor einem Problem. Nicht so einem kleinen Alltagsproblem, wobei die Grenzen ja fließend sind und es keine genaue Definition gibt. Außerdem empfindet das jeder anders. Was für den einen ein existenzielles Problem darstellt, mag einen anderen nicht in seinen Grundfesten erschüttern. Das liegt allein schon an den unterschiedlichen materiellen und emotionalen Voraussetzungen, mit denen wir ins Leben starten.

    Jetzt aber sehe ich mich wirklich mit Herausforderungen konfrontiert, die mein Leben in eine andere Umlaufbahn katapultieren werden. Ich sehe nur noch nicht, in welche. Und ich weiß nicht einmal, ob ich das überhaupt beeinflussen kann. Je nach Tagesverfassung sehe ich entweder gar keine Lösung oder ich drehe mich im Kreis zwischen potenziellen Wegen aus der Krise und verfange mich im Spinnennetz der Kombinationsmöglichkeiten aus Entscheidungen und Konsequenzen, aus lauter „wenn a dann b, wenn darauf c dann d oder doch zurück zu a“. Wenn ich in diesem Netz eingesponnen hänge und meine Gedanken weder vor noch zurück wissen, bin ich wieder dort angelangt, wo ich gar keine Lösungen sehe. Zurück zum Start. 

    Was tun? Wie komme ich aus diesem Teufelskreis? Erste Anlaufstelle ist der Lebenspartner. Das macht die Sache fast noch schlimmer, denn jetzt fühle ich mich auch noch unverstanden und habe einen Streit vom Zaun gebrochen. Ich muss selber einen Ausweg finden, auf dem er mich dann hoffentlich unterstützen wird.

    Warum nur habe ich das Journaling so vernachlässigt in letzter Zeit? Keine Zeit ist keine Ausrede. Keine Kraft ist vielleicht eher zutreffend. Es ist ja nicht von heute auf morgen gekommen. Es hat sich angekündigt. Wenn ich es hätte wissen wollen, hätte ich es wissen können. Wie so oft im Leben, habe ich aber die Verleugnung bevorzugt. Bis das nicht mehr möglich war. Wenn ich schon in der Krise stecke, fällt es mir schwerer, wieder Zugang zum heilsamen Schreiben zu finden. An manchen Tagen funktioniert es sogar und ich fühle mich nach dem Schreiben besser als vorher, fühle einen Hauch von Zuversicht und manchmal sogar eine ferne Ahnung, wie es gehen könnte. Das ist immerhin ein erster Schritt.

    Als nächstes vertraue ich mich einer Psychologin an. Das tut schon mal gut. Und sie führt mich sanft auf ein paar Lösungsmöglichkeiten. Welche die richtige ist, weiß ich zwar immer noch nicht, aber ich habe wieder einen etwas klareren Blick darauf, wer ich bin, was mich ausmacht und was meine Optionen sind. 

    Und dann führt endlich der Zufall Regie, von dem manche behaupten, es gäbe ihn gar nicht. Eine Freundin von mir bietet Ayurvedic Breathwork an und startet mit einer friends-and-family-Phase von flowingprana.at. Ich habe keine Ahnung was das sein soll und google erst mal. Atemarbeit? Als ich noch fit genug für Yoga war, in meinem anderen Leben also, gab es am Ende der Klassen auch meist einen Entspannungsteil, wo man sich auf den Atem konzentrieren sollte. Das ist mir meist schwer gefallen. Wenn der anstrengende Teil vorbei war und ich auf der Matte lag, wanderten meine Gedanken meist schon nach Hause. Würde ich es noch rechtzeitig nach Hause schaffen für ein gemeinsames Abendessen mit meinem Sohn? Was steht sonst noch an heute, was muss ich noch erledigen? Die Klasse vorzeitig zu beenden und einfach aufzustehen, damit ich sicher pünktlich daheim bin, ist natürlich keine Option, wie sieht das denn aus und außerdem verbreitet das Unruhe hier, wo doch außer mir alle so gut entspannen können. Ich warte also, bis alle fertig entspannt haben und rolle dann meine Matte zusammen.

    Und jetzt soll ich also nur den Entspannungsteil ohne Yoga machen? Spannender Gedanke. Aber da ich ja ohnehin kein Yoga machen kann und es meine Freundin ist, wage ich einen Versuch. Bei der Anreise bin ich etwas aufgeregt. Ich bin ja nicht so der Gruppentyp. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, für alpine Ausbildung zum Beispiel, habe ich mich schon Gruppen begeben und dann fand ich es auch meistens gut. Aber zum Atmen? Andererseits muss man dabei wenigstens nichts reden. 

    Das Studio Atemraum empfängt mich mit einer warmen Atmosphäre, die Yogamatten sind erstaunlich bequem und das Meditationskissen auch. Christina führt so souverän durch die Stunde, als würde sie das seit Ewigkeiten machen. Ich überlasse mich ihrer angenehmen Stimme, die mich durch die Übungen geleitet und meinen Atem sanft in einen Rhythmus bringt. Und dann passiert es. Plötzlich habe ich das Gefühl, ganz bei mir zu sein. Beim ersten mal nur ganz kurz, wie eine Ahnung davon, was sein könnte. Aber dieses Gefühl erzeugt definitiv einen Wunsch nach mehr. Ich möchte das nochmal erleben und komme wieder, nicht nur wegen des guten Tees nach der Stunde.

    Beim zweiten Mal finde ich schon viel rascher in den Atemrhythmus und in die Entspannung. Am Tag darauf sitze ich im Bus auf dem Weg zu einem wichtigen Termin. Ich fange bereits an, mein Leben in neue Bahnen zu lenken. Wie immer in solchen Situationen fühle ich einen Klumpen in meinem Bauch und jetzt passiert Erstaunliches. Ich beginne so zu atmen, wie ich es gestern gelernt habe. Viermal ein – viermal aus – viermal ein – viermal aus. Während ich so vor mich hin zähle, löst sich der Klumpen langsam auf.

    Mögliche Optionen stehen nach dem Termin im Raum. Noch fühle ich mich zu keiner Entscheidung fähig. Die nächste Breathwork-Klasse hält wieder eine erstaunliche Erfahrung für mich bereit. Während ich tiefenentspannt nach dem vorgegebenen Rhythmus vor mich hin atme, fühle ich mich wieder ganz bei mir, so wie es in der ersten Stunde schon kurz bei mir angeklopft hat. Nur kommt dieses Gefühl diesmal schneller, bleibt länger und tiefer. Und dieses entspannte Ich weiß plötzlich, was zu tun ist. Nein, es fühlt sich sogar so an, als würde mein entspanntes Ich sogar schon in dieser neuen Realität leben. Ich koste das Gefühl aus, bis ich sanft wieder in die Wirklichkeit zurückgeführt werde. Während ich meinen Tee trinke und mit den anderen plaudere, komme ich immer mehr dort an und die Zweifel gewinnen wieder die Oberhand. Das kann man ja nicht machen, da spricht doch dies und jenes dagegen und überhaupt. Ich lasse meinen Zweifler vor sich hin reden und freue mich auf die nächste Stunde. Irgendwann werde ich die richtige Entscheidung treffen, ganz sicher. 

    In der Woche darauf bin ich am Dienstag leider verhindert. Ich probiere die online-Klasse am Mittwoch, besser als gar nichts. Rechtzeitig vor Beginn der Zoom-Session enthaare ich mein Meditationskissen, das der Kater zwischenzeitlich als bevorzugten Schlafplatz auserkoren hatte und fülle mir einen Tee für danach in die Thermoskanne. Und wieder werde ich überrascht, es funktioniert auch Online, ich fühle mich wieder bei mir. Wie schön, diese Möglichkeit zu haben.

    Wenn ich es einrichten kann, genieße ich lieber die Präsenz-Klassen, denn ich meine eine gemeinsame Energie zu spüren. Von einer solchen hatte auch ein Yoga-Lehrer einmal geredet, aber in Yoga-Klassen hatte ich bisher hauptsächlich eine kompetitive Energie verspürt. Vielleicht bildete ich mir die aber auch nur ein. Hier jedenfalls fällt das weg, obwohl Christina mittlerweile auch beruhigende Yoga Flows und erdende Yin Yoga Haltungen in die Stunde integriert. Ich fühle mich aufgehoben und habe kein Problem damit, die eine oder andere Haltung zu modifizieren oder weg zu lassen, wenn mein Körper dagegen ist.

    Wenn ihr in Salzburg wohnt, könnt ihr euch selbst von der Energie im Studio AtemRaum überzeugen. Wenn nicht, könnt ihr hier https://www.flowingprana.at/ einen online-Termin buchen und auf der ganzen Welt dabei sein und vielleicht treffen wir uns einmal in einer Klasse!